* Blumenpuste

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Glaube, der durch Berge wandert

blog1Ich bin kein zielstrebiger, determinierter, willensstarker Mensch. Ich bin der Mensch, der gerne ja sagt, gerne losläuft, und beim nächsten schönen Fleck am Wegesrand verweilt. Weil ist ja auch schön. Für mich ist der Weg das Ziel, und jede Abzweigung eine willkommene Einladung zum Abenteuer.

Also war es für mich dieses Jahr eine große Lektion, zu erfahren, dass auch ich zielstrebig sein kann. Und viel mehr überraschte es mich, dass der Glaube eine so große Rolle spielt. Wovon ich überzeugt bin, kann mir helfen, einen Schritt weiter auf das Ziel zuzugehen. Einen Schritt weiterzugehen kann bedeuten, das Unmögliche möglich zu machen.

Ich steckte im italienischen Aostatal, bekannt für die Riesen der Alpen, die dort zu finden sind. Mein Plan war es, 14.30 Uhr einen Bus zurück aus den Bergen in die Stadt zu nehmen, um dort den Heimweg anzutreten. Dafür musste ich 6 Stunden straff ins Tal hinunterwandern, ohne großartig Pausen zu machen. Ich war davon überzeugt, dass ich das schaffen konnte – war mir aber auch der Tatsache bewusst, dass ich weder den Weg kannte, noch trainiert (i.e. sportlich) war. Da es aber keine Alternative gab, musste ich es schaffen.

Mit dabei: Eine kurze Wegbeschreibung mit den markantesten Punkten, die ich passieren würde. Ein paar Höhenmeterangaben, keine Landkarte. Berg runter – was konnte da schon schief gehen.

Ich lief. Und lief. Und lief. 14.30 Uhr das Ziel. Ich lief. Ohne Pause. Vom Schotter der Bergpässe hinunter zur Rasengrenze, über Heiden hinweg zur Baumgrenze, durch Krummholz hindurch bis zu dichteren Wäldern. Meine kleine Orientierungshilfe zusammengefaltet in der Hosentasche, die mir vor 2 Stunden das letzte Mal bestätigt hatte, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Immer weiter ins Tal hinab. Vor mir der immer gleich bleibende Blick auf die Bergrücken gegenüber.

Meine Überzeugung, dass ich es schaffen könnte, war immer noch größer als der Zweifel. Immer noch größer als das Verlangen danach, am Wegrand am Bach zu verweilen, Beeren zu essen, und den herrlichen Duft der Lärchen bei einem Picknick zu genießen. Ja, der Wegrand war rotkäppchen-mäßig verlockend.

Irgendwann war es 14.10 Uhr und ich verstand jetzt erst, was es bedeute, dass in meiner Wegbeschreibung „Aufstieg zum Ort“ stand. Ich war endlich am tiefsten Punkt des Tals angelangt und vor mir lag erneut eine steile Wand im Wald. Kein Problem, wäre ich gerade losgelaufen. Ein Problem, wenn man schon Stunden gelaufen ist. Mit hochrotem Kopf keuchte ich den Berg hinauf und konnte es nicht fassen, dass dieser Wald kein Ende zu nehmen schien.

Da hörte ich jubelnde Rufe. Über mir saß eine Frau am Wegesrand, die auf Läufer eines großen Ausdauerlaufes wartete, und währenddessen mich anfeuerte. Ich dankte und nutzte direkt die Gelegenheit, um zu fragen, ob das der Weg nach Closé sei. (An dieser Stelle ein Dank der Firma an den Französischunterricht.) „Closé? Nie gehört,“ antwortete sie. Der nächste Ort sei in dieser Richtung noch 2 km entfernt.

2 km? Geschockt lief ich weiter. Das konnte doch nur ein Scherz sein. Ich lief nicht auf den Ort zu, in dem ich in den Bus steigen wollte. Noch dazu war dieser andere Ort viel zu weit weg.

Ich war erschöpft bis auf den kleinen Zeh. Auch mental war ich mittlerweile so weit, diese Aktion in der Kategorie „Dumme Idee“ einzuordnen und einfach aufzugeben. Doch die Alternative zum Bus wäre gewesen, ein recht teures Taxi aus der Stadt hinauffahren zu lassen – wenn ich meine Situation einem Italiener am Telefon hätte erklären können.
Also lief ich Kurve um Kurve nach oben, in einem Tempo, dass nicht darauf schließen ließ, dass ich einen dicken Rucksack auf dem Rücken hatte. Ich wollte meine Hoffnung noch nicht aufgeben.

Als die ersten Häuser zu sehen waren, kam mir ein alter Mann mit einem kleinen Jungen entgegen. Ich frage ihn, wo im Ort die Bushaltestelle sei. Er gestikulierte wild und warf mir einige italienische Brocken entgegen. Der Bus führe aber erst abends wieder. Ich schaute ihn ungläubig an. Waren meine Recherchen so falsch gewesen?

Egal. Ich bedankte mich auch bei ihm und hinkte in den Ort hinunter. Dort fand ich direkt die Bushaltestelle. Wie in Trance zog ich meine Wanderschuhe aus und analysierte währenddessen die italienische Grammatik des Fahrplans. War „nel“ jetzt eine Verneinung? Und hat „feriali“ etwas mit Ferien zu tun – vielleicht mit den Ferien, die am Vortag geendet hatten? Die Fußnoten des Busfahrplans waren sehr umfangreich. Kurz gesagt – ich zweifelte jetzt auch daran, dass ein Bus kommen würde.

Ich wusch meine Füße in einem Brunnen, zog Sandalen an, nutzte das Freiluft-WC hinter einem Traktor, füllte meine Wasserflasche auf – da rollte der Bus ein. Der Bus. Der Bus. Es gab ihn doch.

Ich ließ mich in einen Sitz plumpsen, und schaute nach oben zu den Bergen, als der Bus anfuhr. Hätte ich wirklich gewusst, wie anstrengend der Weg sein würde, hätte ich mir von Anfang an einen anderen Reiseplan organisiert. Da ich es nicht wusste, aber glaubte, es sei möglich, hatte es am Ende funktioniert.

Jesus sagte einmal zu seinen Freunden: »Selbst wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr zu diesem Berg sagen: ›Rücke von hier nach dort!‹, und er wird dorthin rücken. Nichts wird euch unmöglich sein.« Von dieser Welt der Möglichkeit konnte ich an diesem Tag ein Stück mehr erahnen.

Als ich nach meiner Rückkehr die Waschmaschine aufmachte, fielen mir weiße Brösel in den Klamotten auf. Das war kein Taschentuch, wie so häufig. Das war das jähe Ende meiner kleinen Wanderkarte.

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