* Blumenpuste

Annakdoten aus dem Alltag

Archiv für das Schlagwort “Tübingen”

Morgen im Park

IMG_7295 (2)Ich laufe mit dem Kopf auf meinen Schultern,
aber den Gedanken weit voraus
und halte inne.
Vor mir springt ein Eichhörnchen davon,
oh glorreicher Tag,
es ist sogar ein schwarzes.
Mein Herz wird gefesselt von dem Moment
und zwingt mich zum Verweilen,
zum Setzen, zum Schauen, zum Einatmen.

Werden unsere Kinder einen gleichen Morgen sehen?
Den feurigen Auftritt der Dämmerung?
Wird das Gras so zerbrechlich grün sein, wie es jetzt scheint?
Werden die mit Raureif überzogenen Halme die Wiesen
noch in einen glitzernden See verwandeln,
voll Tropfen und Tröpfchen?

Das Leben fährt um den Park herum an diesem Morgen,
wie als wäre er die grüne Lunge,
das samtene Herzstück der Stadt,
von dem heilig und still das Leben ausgeht.

Spinnenweben spannen, heben
zwischen kargen Ästen im Gestrüpp.
Feuchtes, vollgesogenes Moos bedeckt die Erde wie einen Teppich,
die Bäume wie einen Freund.
In den Wurzeln der Baumriesen sind kleine Pfützen entstanden,
Teiche, Tümpel, auf denen das Herbstlaub vom letzten Jahr dümpelt.

Eine Amsel gräbt das Beet vor mir nach Würmern um.
Die Meisen hüpfen von Ast zu Ast, hoch oben,
und stimmen in den Zweigen eine Ode an den Frühling an.
Ein winziger Grashüpfer springt mir auf die Hand in Neugier.

Hinter mir ein Kreis von Rentnern
beim Recken und Strecken von alten Knochen
unter den knochigen Bäumen,
die ihre Urgroßeltern angepflanzt haben.

Neben mir eine Thermoskanne voll des dampfenden Tees,
ein Fasnetsküchle in der Hand,
ungefüllt und pur,
mit einer leichten Spur von Senf.
Mein Schoß füllt sich nach und nach mit Zucker,
als wäre der Schnee wieder zurückgekommen.

Das flache Sonnenlicht tastet sich zögerlich hervor,
birgt Schatten für Schatten unter seinen Fittichen.
Kommt hervor ihr Sonnenstrahlen,
spielt mit mir und tanzt mir auf der Nase herum.
Kitzelt die Schöpfung, bis sie lacht!

Er riecht nach Naseputzen und Fasnetsküchle,
nach einem Hauch von getautem Schnee.
Der Tag muss die Welt erst noch mit Düften füllen.

Ich will es festhalten, fotografieren,
mit Blicken im Gedächtnis drapieren.
Doch finde ich nichts,
was diesem Augenblick gerecht werden kann.
Denn wie kann ich halten,
was doch nur ich sehe und mit Bedeutung belege?
Warum scheint es ein Bedürfnis zu sein,
den Moment aufzuheben
und in eine Truhe zu packen zu wollen,
direkt neben die Erinnerungen vergangener Reisen?
Vielleicht, weil wir wissen, dass sich Dinge ändern.
Wir haben es gesehen. Es ist uns selbst geschehen.

Ein kleiner Junge kommt mit seiner Mama auf einem der vielen Wege daher
und fängt an, Tauben zu verjagen.
Ein Kindergartentrupp stapft durch die Wiesen.
Das Leben ist im Park angekommen.
Es ist Zeit.
Ich mache mich auf aus meinem Versteck,
zurück ins Leben.
Mit Zuckerkrümeln rund um meinen Mund,
als süße Erinnerung an den Morgen im Park.

Gammelpulli-Tag

12583794_10208387347507013_961052406_nFreitag ist mein Gammelpulli-Tag. Zum einen, weil es beinahe Wochenende ist. Zum anderen, weil ich sowieso nicht dem temporär-gesellschaftlichen Anspruch entsprechen kann. Denn ich habe eine Philosophie-Vorlesung in der Neuen Aula, dem Juristentempel. Für die juristische Gesellschaft ist mein nicht vorhandener Kleidungsstil sowieso nicht schick genug (-> Warum sehen Juristen eigentlich alle gleich aus? (Vorurteilsbelastet.)). Betrete ich den Hörsaal, habe ich jedoch Klamotten aus dem falschen Jahrhundert an. Hier sitzen etliche ergraute Häupter mit Stoff-Sakko in den Reihen, und auch die noch nicht ergrauten Häupter werden von erstaunlich angestaubten Klamotten bekleidet. Ein Großteil davon sind Männer, woran man sehr schnell merkt, dass man definitiv in keiner Vorlesung von Erziehungswissenschaft sitzt. Die würden sich nicht dahin verirren.

Wenn ich in den Hörsaal komme, ist es mein erster Reflex, ein Fenster aufzumachen. Diesen Luxus gibt es im Kupferbau nicht, da sitzt man zur Vorlesung in einem stickigen schwarzen Loch. Wenn ein Hörsaal einen ganzen Tag lang Vorlesungen ertragen muss, schadet ein Klimawechsel von subtropischem Ekel zu gemäßigtem kontinentalen Klima keineswegs. Aber irgendjemand scheint immer etwas gegen Frischluft einzuwenden zu haben, denn obwohl vor uns schon über 100 Leute den minimal vorhandenen Sauerstoff aufgebraucht haben, wird das Fenster immer 1 Minute später wieder zugemacht.

Der Professor ist, nun ja, eine eloquente Frohnatur. Er liebt, was er tut, weiß viel und redet 90 Minuten lang ohne Unterbrechung. Er hat keine Folien, keine Präsentation und lädt auch hinterher nichts ins Internet hoch, das wäre doch zu schön. Das hinterlässt den Studenten mit der Aufgabe, alles mitzuschreiben, was er sagt. Alles. 90 Minuten lang. In höchster Konzentration. Ich komme gar nicht auf die Idee, aus dem Fenster zu schauen, mich über die stickige Luft aufzuregen – man spare den Sauerstoff, den man hat- oder den Rand meines Blattes zu bekritzeln. Der Gammelpulli-Tag hat tatsächlich nur den äußeren Anschein vom Nichtstun. Und so sehr ich in meinem Gehirn nachgrabe…ich weiß nicht, wie der Professor heißt. Wirklich. Ich kann mich nicht erinnern, dass er das jemals gesagt hat.

Der schönste und mich mit höchster Genugtuung erfüllendste Moment bisher war, als zwei Herren in der Reihe vor mir gleichzeitig eingeschlafen sind. Der eine rechts, der andere links. In allen Vorlesungen außer dieser habe ich auch mit dem Schlaf zu kämpfen. Aber hier auch nur 30 Sekunden lang abzuschweifen, bedeutet erstens, den Faden für die nächsten 5 Minuten zu verlieren und zweitens, wertvolle und unersetzbare Mitschriften zu verpassen. Ich saß also da, hörte zu, schrieb mit und beobachtete, wie friedlich die beiden schliefen.

Der emotionalste Moment der Geschichte war der Moment, als ich am Samstag feststellte, dass ich meine geliebten, einzigartigen Unikate, die Dokumentation meines allwöchentlichen Gammelpulli-Tages, auch genannt Mitschriften, im Hörsaal vergessen hatte. Der größte Fehler, der hätte passieren können, war mir unterlaufen. Daher saß ich heute Morgen 7.25 Uhr im Zug, auf dem Kreuzzug zu den Toren des Juristentempels, willig, meine Mitschriften zurückzuerobern, wo auch immer sie sein mochten.
Nach einer kurzen Schlacht konnte ich sie 7.50 Uhr wieder mein Eigen nennen.

#klautdiebäume // Weihnachtscountdown: 9

IMG_9479Kleinkrieg der Weihnachtsbäume

Die Neue Straße in Tübingen wurde unlängst zum Schauplatz einer grünrünstigen Schlacht deklariert. Tobte erst 1789 ein Feuer in diesen Straßen der Altstadt, entbrennt nun ein Kampf, der mit der Entführung verschiedener Weihnachtsbaumbestandteile verbunden ist.

In der Adventszeit zieren vereinzelt Weihnachtsbäume die Straße, die die Kundschaft der Altstadt beim Einkaufen an die Pflicht des weihnachtlichen Geschenkefindens erinnern sollen. Nun wurden jedoch die Spitzen einiger einbetonierter Weihnachtsbäume von sogenannten „Spitzbuben“ entwendet. Auch wurden Weihnachtsbäume samt Töpfen mitgehen gelassen. Oh Tannenbaum!

Einzelne ausgedruckte Zettel in IMG_9480A4-Format wiesen am Sonntag auf den Tathergang hin: “Hier stand mal ein schöner Weihnachtsbaum.” Es war einmal, fast wie im Märchen. Oder wie die Exposition im Drama.

Wo ist meine Mama!?! Ich bin wieder da.“ Hier fehlt ein Teil der Handlung, den sich der aufmerksame Lesende selbst denken muss. Womöglich handelt es sich um die Entdeckung eines zehnten Kontinents. Oder um das Abhandenkommen eines anderen Weihnachtsbaums.
Die misslungene Wiedervereinigung von Mutter und Baumkind wurde zumindest unter Verwendung eines ominösen Rautezeichens kommentiert: #klautdiebäumedochwenigstensmittopfsowiewir

Das Drama eilt seinem katastrophalen Ende entgegen, als mein Auge den Zettel erblickt, der mit den Worten “Mein Freund, der Baum… ist tot,” ausgestellt am 11.12.2015, den Tod der eben noch vermissten Mama verkündet.

Daneben steht eine Taschentuchbox, für alle tränenüberströmten Leser, die dieses Ende nicht erwartet haben. Angefertigt aus meinem Freund, dem Baum. Und wenn er nicht geklaut worden wäre, dann stünde er da noch heute.

Die Welt ist ein Museum

Stell dir vor, die Welt wäre ein Museum. Und stell dir vor, du hättest Freikarten für jeden Tag deines Lebens. Wenn du im Haus wärst, würdest du die Welt durch die Fensterscheiben wie durch Vitrinen betrachten. Du könntest jeden Tag vor die Haustür treten, um die Ausstellungen hautnah zu erleben. Die Welt wäre ein interaktives Museum, zum Anfassen, zum Gestalten, zum Staunen. Du könntest dich über die moderne Kunst ärgern, die jeder Dreijährige besser kreieren kann, und du müsstest manche Dauerausstellung akzeptieren, obwohl sie nicht nach deinem Geschmack ist. Den Brechtbau zum Beispiel. Du müsstest aber keine Öffnungszeiten beachten und könntest sogar dein Eis und deinen Hund mit hineinnehmen.

Und das Beste daran ist: Du müsstest keine 4 € Fotogebühr bezahlen.

Ich stelle mir manchmal vor, dass die Welt ein Museum ist. Das Museum hat keine detaillierte Auflistung aller Exponate. Wenn du deine Kopfhörer aufsetzt, wirst du feststellen, dass dir unter Nr. 7 kein Audioguide erzählt, wer wann unter welchen Umständen und mit welchem Zweck „Pipi Kacka“ mit Kreide an die Wand geschrieben hat. Stattdessen läuft deine Musik, die deine Entdeckungsreise untermalt. Was du siehst, wo du stehen bleibst und was du entdeckst, liegt an dir. Die Welt steht dir offen.

Dann gehst du also nach draußen und fotografierst eine unbedeutende Kleinigkeit. In diesem Moment wird die Kleinigkeit aber zum Hauptdarsteller auf der Bühne der Welt, wenigstens für diesen Moment. Denn andere Leute laufen langsamer oder bleiben stehen und versuchen zu erkennen, was du denn Besonderes fotografierst. Plötzlich steht ein älteres Ehepaar vor dieser grauen Wand und fachsimpelt über die Bauart des Hauses, als wäre diese Wand eine Sehenswürdigkeit von Tübingen, und dreht sich währenddessen verwirrt zu dir um, denn… was war eigentlich auf dieser Wand besonders?
Innerlich kichernd läufst du weiter, denn du hast noch viel vor. Man muss die Zeit schließlich auskosten, wenn man Freikarten für jeden Tag seines Lebens hat.

Stell dir vor, die Welt wäre ein Museum. Was wären wir für Kunstbanausen, wenn wir unsere Freikarten nicht nutzten!

Schätze im Herbst

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Die Morgensonne durchflutete den Alten Botanischen Garten an diesem letzten Tag im Oktober. Vereinzelt lag Müll auf der vom Tau durchnässten Wiese und erzählte Geschichten von Lachen, Freundschaft und Unbeschwertheit aus warmen Tagen und lauen Nächten. Die hohen Bäume wachten über die nun einkehrende Stille des Parks. Hier und da lösten sich Blätter von den Zweigen und tanzten durch die Sonnenstrahlen zum Boden.

Das Leuchten der Abenddämmerung knipste in den Bäumen der Neckarinsel tausend kleine Lichter an. Unter den goldenen Blättern der Platanen zog die ruhige Melodie einer Geige durch die Luft. Die Wege von Tauben und Spaziergängern kreuzten sich im Schein der untergehenden Sonne. Und leise flüsternd verschwand der Oktober.

Diese Welt ist nicht dafür gemacht, dass wir uns um uns selbst drehen. Sie hält Schätze bereit, wenn wir uns Zeit nehmen, hinzuschauen. Das mag kitschig und weltfremd klingen, aber es hat einen Grund, warum wir nicht auf einem grauen, betonierten Planeten vor uns hin dümpeln. Trotzdem halten wir uns meistens zwischen betonierten Mauern auf und wundern uns, warum Alltag, Arbeit und Aufgaben uns erdrücken. Ich wollte mir mehr Zeit dafür nehmen, mich stattdessen über die Welt zu wundern und zu staunen, welche Schätze man als Weltfremder in dieser Welt entdecken kann. Ich habe eine Menge gefunden.

Der wankelmütige Oktober

Erinnert ihr euch an den „goldenen Oktober“? Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen…

Es war tatsächlich gestern Vormittag, als der strahlend blaue Himmel die Sonne ankündigte. Die Gassen der Altstadt lagen noch im Schatten, doch herrschte reges Treiben zwischen den Häusern. Der Gemüsehändler lud seine Ware aus dem Lastwagen. Der Postbote lief von Haus zu Haus und überbrachte Briefe. Zwei ältere Damen diskutieren über die Auslagen in einem Schaufenster. Ein müder Student kroch mit einer Bäckertüte in der Hand über den Fußweg. Ein kleiner Junge zeigte erstaunt nach oben, als die Kirchturmuhr schlug. Auf der Neckarmauer wurden Gesichter den warmen Sonnenstrahlen entgegen gestreckt. Ein Mann mit Strohhut sauste auf seinem Fahrrad vorbei- aber keine Sorge, nicht in der Fußgängerzone.

Es war gestern Nachmittag, als wir über die weiten Wiesen und Felder in Pfrondorf spazierten, wo der Wind durch das bunte Laub wehte. Wir übten, auf den Fruchtbechern von Eicheln zu pfeifen, und genossen die herrliche Aussicht über die Dörfer im Tal bis hin zur Schwäbischen Alb. Sonnenstrahlen brachen durch die Wolken und bahnten sich einen Weg zur Erde, die von einem Traktor sorgfältig umgeackert wurde.

Es war gestern Abend, als der Mond wie ein großer, goldener Ball über dem Horizont aufging. Abendstille legte sich über das Land, das an diesem herbstlichen Tag so viel erlebt und gesehen hatte, und Sterne funkelten am Himmel.

Es war heute Morgen, als ich im Regen über die Straßen lief. Die Gassen der Altstadt waren leer, bis auf die Leute, die von einem Dach zum nächsten huschten. Nebelschwaden stiegen aus den Wäldern auf und in den Pfützen spiegelten sich die grauen Wolken. Der Oktober schien sich über Nacht in einen „silbernen Oktober“ verwandelt zu haben.

Erinnert euch an den „goldenen Oktober“. Es ist erst gestern gewesen.

Schatzsuche

Foto0136Noch ist nicht Herbst. Aber der Tag nach dem Sturm ließ mich beim Bummeln durch die Stadt innehalten und wieder zum Kind werden. Durch Blätter und Grashalme schimmerten rotbraune Kugeln hindurch, die ich in der Hand sammelte, bis ich keine mehr tragen konnte. Eine war glänzender und runder als die andere, und so fand ich immer neue Schätze. Ich sammelte noch ein paar Haselnüsse auf und steckte mir eine Kastanie in die Hosentasche.
Man weiß schließlich nie, wann man ein Stück Kindheit gebrauchen kann.

Großartig

Insekten, die durch die Luft summen. Der harzige Duft der Nadelbäume, die in den Himmel ragen. Wasserläufer und Frösche auf den Tümpeln. Ent-Häuser oder Ameisenhaufen. Asiens Vögel und riesiger Bambus. Verschlungene Pfade und Holzbrücken im Bachtal. Oregons Wälder. Die Schwüle unter den riesigen Gewächsen im Tropenhaus. Kakteen in allen Größen und Formen. Die Schwäbische Alb am Horizont…

…und plötzlich wird die Welt klein. Ein rasanter Kontinentaldrift vereint Pflanzen beinahe aller Größen, Formen, Farben und Herkunftsländer in dem nur 10 ha großen Botanischen Garten. In etwa einer Stunde kann man durch verschiedene Vegetationszonen der Erde laufen und sich an Pflanzen satt sehen.

Im Gang zwischen den Gewächshäusern hängt eine Weltkarte. 193 Länder sind über den Planeten verteilt, deren Landschaften unterschiedlicher kaum sein können. Laut Wikipedia existieren momentan zwischen 320.000 und 500.000 Pflanzenarten, und während einige Arten aussterben, werden neue Arten entdeckt…

…und plötzlich wird die Welt groß. Man kann alle Länder dieser Welt bereisen und wird doch nicht alle Arten von Pflanzen geschweige denn Tieren dieser Welt sehen können. Diese Welt ist einfach groß-artig.

Es ist Samstag

Es ist Samstag. Samstage sind zum Ausschlafen da. Samstage sind zum Abenteuer erleben da, daher wurden sie auch nach Samweis Gamdschie, dem heldenhaften Hobbit, benannt.

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Es ist Samstag. Ich habe Blockseminar. Und da wir so vorteilhaft wohnen, muss ich über eine Stunde vor Beginn des Seminars mit dem Zug in die Gegenrichtung starten, um pünktlich in Tübingen anzukommen.  Dank dieses effektiven Zeitplans saß ich noch eine halbe Stunde vor dem Institut in der Morgensonne und beobachtete das Geschehen.

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Wir haben ein stilvolles, in der Altstadt gelegenes Institut. Man hat einen herrlichen Ausblick auf die Neckarinsel und den Neckar, auf die Gassen und Dächer der Altstadt. Man hört den Glockenschlag der Stiftskirche und Straßenmusiker vom Holzmarkt. Die Gebäude gehören zu den ältesten der Universität. Die „Alte Aula“ ist ein uriges Fachwerkhaus mit fünf Stockwerken, massiven Balken und einem erhabenen Treppenhaus. Damit man fit bleibt, muss man eine Etage nach oben laufen, um in die Bibliothek hineinzukommen, und wieder drei Etagen nach unten, um zu den Büchern zu gelangen. Das Institut ist so klein, dass man immer Bekannte trifft. Und auch die Unbekannten sind nett, schließlich will ein Großteil von ihnen in die Fußstapfen von Tante Prusseliese treten.

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Die Gebäude wären nichts ohne das bunte, studentische Leben. Und nichts ohne Kaffee. Wir haben ein von Studenten organisiertes Café, wo man fair gehandelten Biokaffee kaufen kann. Slogans wie „Kaffee ist kein adäquater Ersatz für Schlaf!“ oder „We love to caffeine you!“ sprechen den müden Studenten aus der Seele. Im Café selbst laden Sofas und Tische zum Verweilen ein. Der Kaffee wird in normale Tassen ausgeschenkt, die man mit ins Seminar nehmen kann und hinterher zurückbringt. Man sitzt also im Seminar wie beim Kaffeekränzchen im Wohnzimmer. Die Professoren haben sich dieser harmonischen Familie angepasst und sind im Café oder in der Raucherecke mitten unter den Studenten zu finden.

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Es ist Samstag. Zwei Studenten laufen an mir vorbei und grüßen mich.
Ein Student hält einem Dozenten die Tür auf. „Danke.“ – „Gern geschehen.“
Touristen bleiben vor der Stiftskirche stehen und schauen den Kirchturm hinauf.
Zwei Studenten mit langen Dreads laufen zu einem Seminarraum.
Kurz darauf geht die Tür auf und ein Student läuft barfuß mit einer Kaffeekanne hinterher.

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Es ist Samstag. Zeit für ein Abenteuer.

Krumm und schief

Tübingen ist faszinierend und vielgestaltig. In der Stadt findet man verschiedene Baustile, wie Neogotik, Historismus, Renaissance, Fachwerk oder Klassizismus. Oder die Mensa. Bauwerke aus verschiedenen Jahrhunderten mit Fassaden, Details und geheime Ecken, die ein Stadtbild ergeben.

Tübingen ist komplett asymmetrisch. Bildachsen werden von krummen und schiefen Gebäuden durchkreuzt. Straßen, Treppen, Kopfsteinpflaster, Häuser, Dächer folgen einem individuellen System von Abwechslungsreichtum. In Tübingen ist „schief“ das neue „gerade“.

Während ich mit der Kamera durch die Gassen lief, ging mir die Zeile „In your brokenness complete“ nicht aus dem Kopf. Ich dachte, es wäre eine Zeile von einem Lied, das ich gerade gehört hatte, bis ich merkte, dass ich gar kein Lied mit diesen Worten kenne. Und doch sprach einer mir immer wieder diese Zeile zu. In deinen Brüchen vollkommen.

Und tatsächlich: Tübingen ist ein kleines Chaos. Aber was für ein schönes Chaos! Das Erscheinungsbild der Stadt ist nicht einheitlich, doch in aller Schiefheit und allen Brüchen vollkommen.

Das Leben ist wie Tübingen. Es gibt Fassaden, Details und geheime Ecken, die vielgestaltig und letztlich alle etwas schief sind. Nicht alles, was ich denke, was ich fühle, was ich tue, was ich will und was ich gerne täte, ergibt ein einheitliches Bild. Aber die Brüche gehören zu mir dazu. In my brokenness complete.

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