* Blumenpuste

Annakdoten aus dem Alltag

Archiv für das Schlagwort “Frühling”

So viel Heimlichkeit

Ich saß auf meinem Sofa und hörte ein Knistern. Sofort drehte ich meinen Kopf, um zu sehen, woher das Geräusch kam. Ich vermutete, einer meiner 20 Stinkwanzenmitbewohner sei von der Winterstarre erwacht und krabbelte durch das Zettelchaos auf meinem Schreibtisch. Aber ich konnte nichts entdecken. Ich widmete mich erneut meinem Buch, da fing es wieder an zu knistern. So, als ob heimlich jemand versuchte, ein Bonbon aus seinem Papier zu wickeln. Es war ein verstohlenes Geräusch, nicht ganz still, aber heimlich. Was war da in meinem Zimmer, das in aller Unscheinbarkeit Geheimnisse entpackte?

Da fiel mein Blick auf meinen Couchtisch; besser gesagt, auf den Krug, der darauf stand. Was sich da Stück für Stück aus dem winterlichen Schlafsack schälte, war eine Narzisse. Die selbstverliebteste Blume unter der Sonne. So selbstverliebt und doch so zaghaft.

Ich war für eine ganze Weile wie gefesselt von dem Gedanken, dass ich Wachstum hören konnte. Ich hatte einen Bund unscheinbarer grüner Stängel gekauft, vom Leben abgeschnitten, gekappt, in Kisten verpackt. Äußerlich unterschieden sich die grünen Halme kaum von einem Bund Frühlingszwiebeln, aber auf den zweiten Blick und einige Zeit Warten hin zeigte sich der Unterschied.

Wüsste die Narzisse, wie faszinierend, einzigartig, kräftig-gelb sie wäre, wenn sie sich nur entfalten würde, wäre ihr Wachstum wohl weniger schüchtern, sondern vielmehr explosionsartig. Sie würde ihre Blütenblätter jedem entgegenstrecken, der ihren Weg kreuzte, mit dem Selbstbewusstsein, das nur eine Blume kennt.
Aber selbst eine Narzisse, die strahlende Krone des Frühlings, hält zögernd inne. Vielleicht aus Unsicherheit. Durch einen überwältigenden Vergleich mit den Blumen um sie herum. Aus Kraftlosigkeit. Beim Warten auf bessere Lichtverhältnisse.

Wer weiß schon, was eine Narzisse bewegt. Aber ich weiß, was mich bewegt. Und vor allem: Was mich dazu bringt, mich nicht mehr zu bewegen. Nicht mehr zu wachsen. Projekte zur Seite zu legen. Auf bessere Zeiten zu hoffen. Zu Stagnieren im Hamsterrad des Chaos.

Ich möchte meinem Wachstum wieder mehr zuhören. Ich will hören, wie es erwartungsvoll knistert, während sich Falte für Falte zurechtlegt für ein weiteres Blütenblatt. Wachsen und Werden hat seine Zeit, aber ich möchte darüber nicht das Potential vergessen, das den Unterschied zwischen einem Bund Frühlingszwiebeln und einem Bund Narzissen ausmacht. Die einen werden kleiner, geschnitten für Salate und Speisen. Die anderen wachsen, werden größer und blühen, weil sie nur so etwas zu geben haben.

Menschen wie Blumen

Wie viele von euch bereits mitbekommen haben, arbeite ich samstags auf dem Wochenmarkt an einem Blumenstand. Die Blumenmönche sind eine evangelische Ordensgemeinschaft, die vom Blumenverkauf lebt. Es macht mir viel Freude, auch wenn es stressig ist, man dreckig wird und Dornen so gern in meine Hände pieksen. Vielleicht steige ich bald in den Igel-Handel ein, abgehärtet wäre ich jetzt jedenfalls.

Neben der Kasse stehen jede Woche ein paar Eimer mit Wasser, in denen wir abgebrochene Blüten sammeln. An manchen Tagen, wie vor Ostern, können das eine ganze Menge sein, weil die Leute wie am Wühltisch rabiat nach Blumen graben. Da meine Kollegen selten welche haben möchten, darf meistens ich diese „Köpfle“ mit nach Hause nehmen, wo ich sie in Schalen in die Wohnung stelle.

Wenn wir die Stände abbauen, um sie auf den LKW zu laden, findet sich hier und da noch ein abgebrochenes Köpfle und ich habe den Reflex, es aufzuheben und in den Eimer zu legen. Aber meistens kann ich gar nicht jedes Köpfle aufheben, die Zeit reicht beim Abbau einfach nicht aus. Ich lasse sie aber wirklich nicht gern liegen, denn dann werden sie zertrampelt oder weggeschmissen. Dabei frage ich mich, warum ich diese eine Freesie aufheben will, wo ich doch schon 60 Köpfle gesammelt habe, darunter auch viele Freesien. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es die Schönheit jeder einzelnen Blüte, die nicht abnimmt mit der Anzahl von Blüten, die ich sehe.

Vielleicht kannst du mir zustimmen, IMG_7dass die Faszination der blühenden Bäume, Büsche und Blumen gerade im Frühling nicht abnimmt. Jedenfalls denke ich nicht „Oh, schon wieder eine Blume, wie langweilig. Ich habe doch schon eine dieses Jahr gesehen. Jetzt reicht es aber mal wieder.“ Denn jeder Baum blüht in einer anderen Farbe, an einer anderen Stelle, begegnet mir an einem anderen Moment im Tag.

Als ich mal wieder darüber nachdachte, warum mir die einzelnen Köpfle so wichtig sind, fiel mir ein, dass mir dieses Prinzip bekannt war. Es gibt einen, dem wir Menschen wahnsinnig wichtig sind. Und wie oft frage ich mich: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst Wirklich! Gibt es nicht so viele Menschen, die alle gleich aussehen und gleich viel wert sind? Wieso sollte dann ausgerechnet ich besonders sein? Warum sollte mir Beachtung geschenkt werden?

Ja, es gibt viele Blumen. Ja, es gibt viele Menschen. Aber sind wir nicht viel mehr als Blumen? Wenn es mir ein Bedürfnis ist, auch die letzte abgebrochene Blume aufzuheben, wie viel mehr sorgt sich Gott um jeden Menschen! Jeder einzelne ist für ihn wertvoll und er wird nicht von Zeitmangel davon abgehalten, alle Köpfle aufzusammeln. Er bückt sich und sammelt auch die auf, die zertrampelt auf dem Boden liegen. Er sieht auch die Blumen, die unter dem Wagen liegen und die vergessen worden sind. Auch wenn er schon 349230 Rosen hat, ist für ihn die 349231. Rose einzigartig und wertvoll.
Wenn du runtergefallen bist, auf dem Boden übersehen wirst oder denkst, dass alle anderen Köpfle wichtiger sind, als du: Deine Schönheit lässt ihn nicht vorübergehen.

Ostersonntag

Zarte grüne Blätter an starren, grauen Bäumen. Kleine Blüten sprießen am Wegesrand und Farnblätter strecken sich schwungvoll in die Höhe. Ich bin umgeben von kleinen Wundern. Neues Leben ist erwacht und bahnt sich einen Weg durch das abgestorbene Laub am Boden des Waldes. Ich laufe über weiches Moos und tauche ein in die Stille der Natur. Stille. Ich lausche den Vögeln in den Baumwipfeln, und als ich weitergehe, springt ein Reh davon. Ich bin zu laut für die Stille der Natur.

An einem Hochsitz klettere ich nach oben, wo ich wie ein Zuschauer auf der Tribüne des Waldes Platz nehme. Ich halte eine Weile inne und atme tief durch. Es duftet nach Harz, nach Holz und nach Bärlauch. Selbst die Luft ist lebendig.

Und während ich in diese Atmosphäre eintauche, lerne ich das Geheimnis der Auferstehung ein wenig besser zu verstehen. Das Leben siegt.

Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig. (Off. 1,18)

Ein Platz an der Sonne

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Tübingen im Jahre 1958. Es gibt 52 cm Neuschnee an einem kalten Tag im Februar. Schnee und Eis versetzen den ganzen Landkreis in Aufruhr. (->)

Tübingen im Jahre 2014. Der Schnee hat uns verlassen. Das Eis ist geblieben und wird von den Kunden des Eiscafés am Neckar spazieren getragen.

Nach keinem langen und harten Winter hat der Frühling seine Türen weit geöffnet. In den Tübinger Straßen und Gassen tummeln sich die Menschen als wäre es ein Wochenende im Juni. Die Freisitze der Cafés und Bars sind restlos belegt, die Neckarinsel wimmelt von Spaziergängern und das Reisebüro hat geschlossen, weil hier niemand mehr weg möchte. In der Altstadt schmücken bunte Fasnet-Fähnle den Himmel und Straßenmusiker mischen sich in den Klang der Stadt, während sich die Sonne ihren Weg durch die Mauern und Menschen bahnt.

Tübingen ist aus dem Winterschlaf erwacht.

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