* Blumenpuste

Annakdoten aus dem Alltag

Archiv für die Kategorie “Unterwegs”

Glaube, der durch Berge wandert

blog1Ich bin kein zielstrebiger, determinierter, willensstarker Mensch. Ich bin der Mensch, der gerne ja sagt, gerne losläuft, und beim nächsten schönen Fleck am Wegesrand verweilt. Weil ist ja auch schön. Für mich ist der Weg das Ziel, und jede Abzweigung eine willkommene Einladung zum Abenteuer.

Also war es für mich dieses Jahr eine große Lektion, zu erfahren, dass auch ich zielstrebig sein kann. Und viel mehr überraschte es mich, dass der Glaube eine so große Rolle spielt. Wovon ich überzeugt bin, kann mir helfen, einen Schritt weiter auf das Ziel zuzugehen. Einen Schritt weiterzugehen kann bedeuten, das Unmögliche möglich zu machen.

Ich steckte im italienischen Aostatal, bekannt für die Riesen der Alpen, die dort zu finden sind. Mein Plan war es, 14.30 Uhr einen Bus zurück aus den Bergen in die Stadt zu nehmen, um dort den Heimweg anzutreten. Dafür musste ich 6 Stunden straff ins Tal hinunterwandern, ohne großartig Pausen zu machen. Ich war davon überzeugt, dass ich das schaffen konnte – war mir aber auch der Tatsache bewusst, dass ich weder den Weg kannte, noch trainiert (i.e. sportlich) war. Da es aber keine Alternative gab, musste ich es schaffen.

Mit dabei: Eine kurze Wegbeschreibung mit den markantesten Punkten, die ich passieren würde. Ein paar Höhenmeterangaben, keine Landkarte. Berg runter – was konnte da schon schief gehen.

Ich lief. Und lief. Und lief. 14.30 Uhr das Ziel. Ich lief. Ohne Pause. Vom Schotter der Bergpässe hinunter zur Rasengrenze, über Heiden hinweg zur Baumgrenze, durch Krummholz hindurch bis zu dichteren Wäldern. Meine kleine Orientierungshilfe zusammengefaltet in der Hosentasche, die mir vor 2 Stunden das letzte Mal bestätigt hatte, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Immer weiter ins Tal hinab. Vor mir der immer gleich bleibende Blick auf die Bergrücken gegenüber.

Meine Überzeugung, dass ich es schaffen könnte, war immer noch größer als der Zweifel. Immer noch größer als das Verlangen danach, am Wegrand am Bach zu verweilen, Beeren zu essen, und den herrlichen Duft der Lärchen bei einem Picknick zu genießen. Ja, der Wegrand war rotkäppchen-mäßig verlockend.

Irgendwann war es 14.10 Uhr und ich verstand jetzt erst, was es bedeute, dass in meiner Wegbeschreibung „Aufstieg zum Ort“ stand. Ich war endlich am tiefsten Punkt des Tals angelangt und vor mir lag erneut eine steile Wand im Wald. Kein Problem, wäre ich gerade losgelaufen. Ein Problem, wenn man schon Stunden gelaufen ist. Mit hochrotem Kopf keuchte ich den Berg hinauf und konnte es nicht fassen, dass dieser Wald kein Ende zu nehmen schien.

Da hörte ich jubelnde Rufe. Über mir saß eine Frau am Wegesrand, die auf Läufer eines großen Ausdauerlaufes wartete, und währenddessen mich anfeuerte. Ich dankte und nutzte direkt die Gelegenheit, um zu fragen, ob das der Weg nach Closé sei. (An dieser Stelle ein Dank der Firma an den Französischunterricht.) „Closé? Nie gehört,“ antwortete sie. Der nächste Ort sei in dieser Richtung noch 2 km entfernt.

2 km? Geschockt lief ich weiter. Das konnte doch nur ein Scherz sein. Ich lief nicht auf den Ort zu, in dem ich in den Bus steigen wollte. Noch dazu war dieser andere Ort viel zu weit weg.

Ich war erschöpft bis auf den kleinen Zeh. Auch mental war ich mittlerweile so weit, diese Aktion in der Kategorie „Dumme Idee“ einzuordnen und einfach aufzugeben. Doch die Alternative zum Bus wäre gewesen, ein recht teures Taxi aus der Stadt hinauffahren zu lassen – wenn ich meine Situation einem Italiener am Telefon hätte erklären können.
Also lief ich Kurve um Kurve nach oben, in einem Tempo, dass nicht darauf schließen ließ, dass ich einen dicken Rucksack auf dem Rücken hatte. Ich wollte meine Hoffnung noch nicht aufgeben.

Als die ersten Häuser zu sehen waren, kam mir ein alter Mann mit einem kleinen Jungen entgegen. Ich frage ihn, wo im Ort die Bushaltestelle sei. Er gestikulierte wild und warf mir einige italienische Brocken entgegen. Der Bus führe aber erst abends wieder. Ich schaute ihn ungläubig an. Waren meine Recherchen so falsch gewesen?

Egal. Ich bedankte mich auch bei ihm und hinkte in den Ort hinunter. Dort fand ich direkt die Bushaltestelle. Wie in Trance zog ich meine Wanderschuhe aus und analysierte währenddessen die italienische Grammatik des Fahrplans. War „nel“ jetzt eine Verneinung? Und hat „feriali“ etwas mit Ferien zu tun – vielleicht mit den Ferien, die am Vortag geendet hatten? Die Fußnoten des Busfahrplans waren sehr umfangreich. Kurz gesagt – ich zweifelte jetzt auch daran, dass ein Bus kommen würde.

Ich wusch meine Füße in einem Brunnen, zog Sandalen an, nutzte das Freiluft-WC hinter einem Traktor, füllte meine Wasserflasche auf – da rollte der Bus ein. Der Bus. Der Bus. Es gab ihn doch.

Ich ließ mich in einen Sitz plumpsen, und schaute nach oben zu den Bergen, als der Bus anfuhr. Hätte ich wirklich gewusst, wie anstrengend der Weg sein würde, hätte ich mir von Anfang an einen anderen Reiseplan organisiert. Da ich es nicht wusste, aber glaubte, es sei möglich, hatte es am Ende funktioniert.

Jesus sagte einmal zu seinen Freunden: »Selbst wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr zu diesem Berg sagen: ›Rücke von hier nach dort!‹, und er wird dorthin rücken. Nichts wird euch unmöglich sein.« Von dieser Welt der Möglichkeit konnte ich an diesem Tag ein Stück mehr erahnen.

Als ich nach meiner Rückkehr die Waschmaschine aufmachte, fielen mir weiße Brösel in den Klamotten auf. Das war kein Taschentuch, wie so häufig. Das war das jähe Ende meiner kleinen Wanderkarte.

Von LA nach LA

DSCN8221_2Was ich letztes Jahr sehr schätzen gelernt habe, ist Gastfreundlichkeit. Gastfreundlichkeit kann man erst erfahren, wenn man fremd ist, wenn man ein Gast sein muss. Ich habe innerhalb meiner großen Reise in die USA viele kleine Reisen unternommen, zwei davon genau vor einem Jahr im Juli. Die Ziele waren relativ zufällig und spontan zustande gekommen. Ich wäre überall mit hingegangen, denn mir war sowieso alles neu. Ich war überall ein Gast.

Wofür ich nie dankbar genug sein kann, ist meine Art des Reisens. Ich war immer mit „Einheimischen“ unterwegs, da ich keine Deutschen in meinem Bekanntenkreis hatte. Und ich wohnte immer bei tatsächlich Einheimischen, die mich mit in die lokale Kultur hineinnehmen konnten.

DSCN8082Ich fuhr mit einer Studentin und ihrer Kindheitsfreundin nach New Orleans, Louisiana , weil sie dort ihre Familie besuchen wollte. Ich wurde im Auto vorgewarnt: „We are hispanics. We love to talk.“ Das hatte ich schnell am Lautstärkepegel im Auto merken können. Sie gaben mir den Hinweis, niemals French Toast von Aunt Mary zu essen, weil das zu tagelangen Bauchschmerzen führt. Außerdem hieß es, dass ihr Uncle J beleidigt sein würde, wenn ich nicht auch viel reden würde. Ganz so schlimm wurde es nicht, denn Leute, die viel reden, stellen auch viele Fragen und nehmen einen schnell in ihrer Mitte auf. Ich hatte also bald fast die ganze Familie von der Grandma bis zum Cousin kennengelernt.

Sie sagten mir, dass man sich durch New OrleansDSCN8190 durchessen muss, also fuhren wir von einem Restaurant zum nächsten Cafe zum Markt usw., sahen die Stadt an und probierten die Spezialitäten des Cajun Country.

Eines Abends liefen wir im Dunkeln durch ein Bayou, eine Sumpflandschaft, mit riesigen uralten Live Oak Bäumen, unter denen früher Duelle im Morgengrauen stattgefunden haben. Spanisches Moos hing geisterhaft von den Bäumen, Grillen zirpten und alte Brücken führten über die Wasserarme, die trotz der Dunkelheit viel Leben in sich hatten. Ja, Alligatoren, ich meine euch.
Nicht weit davon entfernt war ein Cafe du Monde, wo wir im Zwielicht Cafe au lait tranken und von Puderzucker nur so überquillende Beignets (Krapfen/Pöffertjes) aßen. Als ob ich nicht schon fasziniert genug gewesen wäre, packte die Bedienung auch noch eine Querflöte aus, um für uns zu spielen. New Orleans hatte mich mit seiner Natur und Kultur definitv in seinen Bann gezogen.

DSCN8570Von den vollfeuchten Subtropen mit besonders viel Wasser, den Sümpfen und dem Mississippi River ging es in die sommertrockenen, wüstenhafteren Subtropen am Pazifik, California. Von LA (Louisiana) nach LA (Los Angeles) an zwei Tagen. Sonnenaufgang in Louisiana, Sonnenuntergang in Alabama, Sonnenaufgang in Georgia, Sonnenuntergang in California. Fernbus, Auto und Flugzeug haben gute Dienste geleistet.

Ich reiste mit meiner Kollegin und wir wohnten DSCN8340bei der Familie unseres Chefs in Santa Ana. Tagsüber erkundeten wir Los Angeles und Umgebung und besuchten eine Freundin in Hollywood. Die Abende verbrachten wir bei der Familie, die neben 2 Kindern noch 2 Katzen und 6 Hunde hatte. Wir hörten Geschichten über die Familie und das Leben in Kalifornien und durften uns wie zu Hause fühlen. Obwohl zu Hause nicht hinter jeder Ecke ein Hund auftaucht oder den Kopf in mein Essen steckt.

An einem Abend fuhren wir mit der Familie zur Oma, um Apple Pie mit Vanilleeis zu essen. Es war schon 10 Uhr, für uns gefühlt Mitternacht, aber frischen Apple Pie lässt man nicht warten. IMG_20150710_200730Im Wohnzimmer setzte sich meine Freundin fast auf Omas Perücke, die sie auf einem der Stühle vergessen hatte, und wir alle konnten die nächsten 5 min nicht aufhören zu kichern, weil es einfach so komisch war. Keine Sorge, Oma hatte nichts mitbekommen.
Dort gab es auch einen Nachbarschaftspool mit Whirlpool, in dem wir den Abend ausklingen ließen. Unter dem Sternenhimmel unter Palmen in OC California in einer Jacuzzi zu sitzen – das hatte ich nicht geplant, als ich im verschneiten Februar aus Deutschland aufgebrochen war.

Ich habe so viele Dinge nicht DSCN8302geplant und wahrscheinlich war deswegen so vieles so gut. Ich hatte einfach keine Erwartungen, die enttäuscht werden konnten. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten beim Reisen.  (Nur ein Beispiel: Dass man zusammen reist heißt nicht, dass man die gleichen Gesprächsthemen und Interessen hat. Das ist kulturell bedingt, aber auch ganz stark von den Personen abhängig. Dann kann man also entweder nicht mitreden oder man kommt nie über den Smalltalk hinaus. Da ist Geduld die Mutter der Frustrationskiste.)
Aber abgesehen davon, war und bin ich dankbar, dass ich so herzlich in den Familien aufgenommen worden bin. Meine Erlebnisse wären ganz anders gewesen, wenn ich allein gereist wäre und in Hotels gewohnt hätte. Aber so kamen mir die Leute mit Gastfreundlichkeit entgegen. Es gab nichts, was ich als Gegenleistung oder Entschädigung hätte bieten können. Ich durfte einfach da sein, genießen und die familiäre Gemeinschaft annehmen, die sie mir frei angeboten hatten.

Das ist nur ein kleiner Einblick in meine Erlebnisse. Es gäbe noch so viele Geschichten zu erzählen und es gibt so viel, was ich vermisse. Kommt einfach vorbei, wenn ich als Großmutter auf meiner Terrasse im Schaukelstuhl sitze und Geschichten von damals erzähle!

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And there was light

IMG_2781When I was walking through rainy Edinburgh at night I came to this library. The panel over the entrance carried the words “Let there be light” and even though I had seen this earlier that day I stopped for a moment.

In the rain and darkness: Let there be light.
In the search for meaning and belonging: Let there be light.
In the wandering and restlessness: Let there be light.
In the doubts and questioning: Let there be light.
Light that comes back.
Light that I can see with my heart.
Light that opens my eyes.
Light that is with me.
Let there be light.

I raised my head and took a step back.
And there was light.

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Reizende reisende Gedanken

Leipzig HbfMein Blog hat mir heute eine Benachrichtigung mit einem Glückwunsch zum wordpress-Jubiläum geschickt. Aus lauter Frustration und Aggressivität, die zum Totschlagen der Zeit geführt hat, habe ich zur Feier des Tages einen Blogeintrag ver-fasst. Oder ver-griffen. Oder ver-handelt.

Ich war heute früh 5:20 Uhr im sächsischen Grimma aufgestanden, weil die Rückreise in den Südwesten für ebenjenen Tag geplant war. Ich hatte 9 Tage lang Freunde und Familie besucht, ein Heimatbesuch, wobei manche Dinge auch unheimlich unheimatlicher werden.
Nun denn, ich stand also am Busbahnhof im Dunkeln, wo noch einige andere Leute herumstanden, die nach Leipzig fahren wollten. In deutscher Manier wurde aber nicht geredet, sondern betreten zu Boden geschaut. 80% der Leute nehmen jeden Morgen den gleichen Bus und kennen sich eigentlich, aber das ist ja kein Grund, dass man miteinander redet, geschweige denn, dass man sich überhaupt untereinander wahrnimmt. Ein Mann kam auf seinem Fahrrad vorbei und sagte mit einem fremden Akzent fröhlich „Guten Morgen!“ Erschrockene Blicke wurden gewechselt, keiner grüßte zurück. Ich rief ihm „Guten Morgen!“ hinterher, was sie ähnlich erschreckte.

Als ich auf mein Handy schaute, war dort eine SMS von meinfernbus eingetrudelt: „Der Fernbus fährt heute 90 min später ab.“ Großartig, dachte ich. Da hat sich das frühe Aufstehen so richtig gelohnt.
Ich hievte mein Gepäck in den Bus, der mich nach Leipzig zum Fernbus bringen sollte. Dabei hatte ich allerhand Unrat, denn ich reise meist mit einem halbleeren – oder halbvollen? – Rucksack los und fülle ihn unterwegs mit jeder Menge ungeplanten Ereignissen. Diesmal war ein Flohmarkt schuld.
Im Bus mit all den freundlichen Leuten vom Bussteig fiel mir eine Kastanie auf den Boden, von denen ich im Herbst immer eine in die Tasche stecke. Man weiß ja nie, wofür man die braucht. In Dresden brauchte ich Kastanien, um die Ampel am Sonntagmorgen so lange unter Beschuss zu nehmen, bis sie auf Grün schaltete. Wir hatten es schließlich eilig.
Die Kastanie kullerte nach vorn und der Mann vor mir drehte sich kurz um, aber machte keine Anstalten, das aufzuheben, was zu ihm gerollt war. Man kann sich ja nicht um jeden Mist kümmern, wenn man 50 min auf der selben Stelle sitzt.
(Ich habe sie mir wieder geholt, als er ausgestiegen ist. Wie gesagt, man weiß ja nie, wofür die noch wichtig ist. Ja, ich weiß, es war nur eine Kastanie.)

Ich überbrückte meine Zeit in Leipzig, indem ich in den Hauptbahnhof reinging. Auch hier im größten Kopfbahnhof Europas empfing mich Totenstille, wie zuvor in Grimma. Bevor ich skeptisch werden konnte, fiel mir wieder ein, dass der Bahnhof für das Wochenende gesperrt worden war und daher kein Fußvolk unterwegs war. Ich fand ein leeres Starbucks, in dem sich die Bedienungen langweilten, Pumpkin Spice Latte alle war, es keine Toiletten gab und die Musik zum Weinen animierte. Dort verweilte ich, bis ich zum Bus gehen musste.

Ich habe den Fernbus von Leipzig nach Stuttgart noch nie zu mir genommen, und habe heute eine so große Dosis abbekommen, dass sie erst einmal für die nächsten Jahre reicht. Auf der Karte mit Informationen zu den Angeboten im Bus stand, dass man einen netten Sitznachbarn für 0,00 € kaufen kann, aber da kann man sein Geld auch zum Fenster rausschmeißen, bevor man sich sowas leistet. Ich saß und aß und las, die Zeiger der Uhr drehten ihre Runden, die Räder des Busses drehten sich auch, aber es wurde doch immer später. Ganz egal konnte mir das nicht sein, denn ich musste 19:30 Uhr wieder in Tübingen zur Bandprobe sein. Ich schaute gefühlte 50 verschiedene Bahnkombinationen nach Hause nach, die ich aller halben Stunden neu berechnete, je nach Stand. Wobei Stand beim Fahren ja immer schlecht ist.

Staus, Pausen, unzählige Zwischenhalte, dann hatte ich in Stuttgart alle Züge verpasst, die mir Zeit gegeben hätten, nochmal nach Hause zu fahren und meinen Ballast abzustellen. Weight Watchers hatte doch gesagt, es sei ungesund, zu viele Kilos mit sich herumzutragen! Außerdem musste ich dringend mal aufs Tö, das war in dem Bus, der im Laufe der Zeit wie zu einem sechzehnten Zuhause geworden war, auch nicht mehr benutzbar. Ich wollte auch nicht noch einmal umsteigen, denn das birgt immer die Gefahr, dass man den Anschlusszug verpasst und in der Pampa Däumchen drehen, Graffiti an die nächste Hauswand schmieren oder ein Känguru aus dem Holz des Holunders neben dem Bahngleis schnitzen kann. Was mit Holunder einfach nicht gut geht.

Ich schlich nun also mit Sack und Pack vom Bus zur S-Bahn, damit zum Stuttgarter Hauptbahnhof, dann zum Gleis und da war er, der Zug! Ich habe mich noch nie so gefreut, einen Zug zu sehen. Obwohl, da gab es noch so ein paar andere Geschichten… jedenfalls war der Zug mit der Aufschrift „Tübingen“ ein großer Fortschritt. 18:53 Uhr kam ich dort auch tatsächlich an. Nach 12:30 Stunden unterwegs. Da hätte ich auch einmal um die halbe Welt fliegen können. Noch immer kein Zuhause in Sicht, und als es zehn Minuten vorher in Sichtweite gekommen war, waren wir im RE daran vorbei gerast.

In Tübingen suchte ich mir noch ein bisschen Nahrung, dann ging ich ziemlich lädiert zur Bandprobe für Sonntag. Ich sagte Gott, dass das bitte noch nicht der ganze Tag gewesen sein sollte. An diesem Tag musste doch noch irgendwo etwas Gutes und Motivierendes zu finden sein.
Kaum hatte ich das geäußert, war ich angekommen. Als der Bandleiter mein Gepäck sah und hörte, dass ich nach der Probe damit wieder zum Zug gehen wollte, bot er mir an, mich nach Hause zu fahren. Und dann haben wir Musik und Lobpreis gemacht, was einen jeden Tag aufwertet.
Ein Hoch auf Gott, Autos, Musik und aufmerksame Menschen!

22 Uhr wurde ich vor der Haustür abgeliefert.
Jetzt ist es noch später.
Ich katapultiere, kapituliere oder was auch immer.

Ergraute Mauern

„Hallo!“ Die Busfahrerin sah mir IMG_20150103_142730lange ins Gesicht. Dann tippte sie auf dem Automat herum, der mir bald darauf ein Ticket ausspuckte. Sie hatte mich 8 Jahre lang von der Schule in unser kleines Dorf gefahren und immer an der Straßenmündung statt an der Bushaltestelle angehalten, damit ich schneller zu Hause war. Sie hatte mich wiedererkannt. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Hallo nicht alles vermitteln konnte, was ich in dem Moment dachte.

IMG_20150104_104854Wir fuhren los, raus aus der Stadt, die mit Leere gefüllt ist. Der Stadt, die zwei Mal innerhalb von elf Jahren von einer Flut heimgesucht worden war und auch anderthalb Jahre nach der letzten Flut immer noch nicht den Anschluss an die Normalität wiedergefunden hat. Leere Geschäfte und Straßen, Baustellen, Grafitti und Zerstörung zeichnen ein kränkliches Stadtbild.

Wir kamen an in der Stadt, die aus Einwohnermangel keine Stadt mehr ist. Der Bus öffnete die Türen, ich rief „Tschüss!“ nach vorne, wie in guten alten Zeiten, und stieg aus. Obwohl hier keine Flut gewütet hatte, sind die Bürgersteige leer und die Mauern ergraut. Wie eine schleichende Inflation, so verfallen die Städte und Dörfer. Bei jedem Heimkommen wird der Unterschied größer, sind mehr Geschäfte geschlossen, mehr Leute weggezogen oder verstorben. Die perfekte Kulisse für Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“.

Mein Trekkingrucksack war von IMG_20150104_142540einem gelben Regenschutz umgeben, was mich wie ein Glühwürmchen in der Nacht aussehen ließ. Im Supermarkt sah ich bekannte Gesichter, die mich mit großen Augen anschauten und nach dem Grund meiner Reise suchten. Reisende waren hier nicht oft gesehen. Ich kannte sie alle, wenn auch nicht alle mit Namen. Und obwohl sie mich alle hatten aufwachsen sehen, erkannten sie mich nicht. Als wäre ich ein Geist, eine Fremde auf Durchreise.

Ich wünschte, ich könnte wie Bilbo in ein Auenland zurückkehren und feststellen, dass ich nicht derselbe Hobbit bin, der ich einst war und dass mich die Jahre verändert haben. So kehre ich immer wieder verändert in eine Gegend zurück, in der sich scheinbar nichts mehr ändern wird.

Ein paar Tage später stand ich wieder an der Bushaltestelle. Ich stieg ein und grüßte die Busfahrerin, die mich 8 Jahre lang von der Schule in unser kleines Dorf gefahren hat. Ja, manche Dinge scheinen sich wirklich nicht mehr zu ändern.

In der Mitte

ckmm.jpgDer Hofgarten in München lag verlassen da. Die Bäume standen kahl in ihren Reihen und auch die Beete hatten schon lange keine Blüten mehr gesehen. Kies knirschte unter meinen Füßen, als ich zum zentralen Punkt des Gartens lief. Ich betrat den steinernen Pavillon und schaute mich um. Stille empfing mich hier, in der Mitte, im Garten.

Ich hatte meine Kamera zu Hause gelassen und es bei all der Schönheit in der Architektur der Stadt schnell bereut. Aber hier sollte ich kein Bild einfangen, sondern ein Bild sollte mich einfangen.
Ich war rastlos und sehnte mich nach Ruhe. Ich war gerannt, um die Kontrolle über mein Leben einzuholen, und habe übersehen, dass diese Aufgabe die ganze Zeit über in guten Händen war.

Auf dem Boden in der Mitte war ein Stern aus kleinen Mosaiksteinen zusammengesetzt. Ein Stern. Und ich spürte, wie sich hier im Pavillon, wo sich die Wege im Garten kreuzten, die Wege meiner letzten Wochen auflösten.
Dieser Stern war hier aufgegangen, wo ich ihn nicht gesucht, erwartet oder geplant habe. Wo es verlassen zu sein scheint und alles in uns schweigt, ist er in der Mitte.

Eben-Ezer

DSCN5523_wortMy memory requires
a little jog at times.
I’ve decided that I will
make a pile of stones
one upon the other
and call it Ebenezer’s Hill

Cae Gauntt

Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Viel Sonne hatte der Bodensee an diesem Samstag sowieso nicht gesehen, aber jetzt leuchtete ein goldener Streifen am Horizont. Ich war zum Ufer hinuntergelaufen, um Fotos von der Seebrücke zu schießen, als ich auf diesen Steinhaufen stieß. Sorgsam aufgeschichtet lag Stein auf Stein dort, wo der Wind die Wellen ans Land spülte.

Eben-Ezer. Stein der Hilfe.

Die Geschichte des Eben-Ezers reicht weit zurück bis zu der Zeit, als Samuel Richter in Israel war. Er ließ nach einem Kampf einen Stein als Erinnerung daran aufstellen, dass Gott bis hierhin geholfen hatte.

Meine eigene Geschichte hielt gerade an diesem Eben-Ezer inne. Hier stand ich nach einem Tag mit meiner Familie am Bodensee und schaute auf all die Jahre zurück, durch die Gott bis hierhin geholfen hatte.

Manchmal werden uns Steine in den Weg gelegt. Aber nicht immer müssen sie uns zu Fall bringen. Denn mancher Stein, der dort liegt, wo ich das andere Ufer nicht sehen kann und wo Ungewissheit mir den Mut zum Weiterlaufen nimmt, wurde mit Sorgfalt und Liebe genau dort als Erinnerung platziert.

Als Eben-Ezer.

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Aller Anfang ist schwer

Während das halbe Schwabenland am Tag der Deutschen Einheit nach Stuttgart zum Cannstatter Wasen gepilgert ist, fuhren wir über die Schwarzwaldhochstraße zu den Büttensteiner Wasserfällen, einem weiteren bildschönen Ausflugsziel im Schwarzwald.

Der Schwarzwald begegnete mir zum ersten Mal in der Grundschule. In der zweiten Klasse bekamen wir eine neue Mitschülerin, Erika. Sie lebte bei ihren Großeltern, „weil ihre Mutter im Schwarzwald arbeitete.“ Was denkt sich ein siebenjähriges Mädchen, wenn es hört, dass eine Mutter im Schwarzwald – wo auch immer das ist – arbeitet und keine Zeit mehr hat?! Hm.

Zwei Jahre später traf ich erneut auf den Schwarzwald, diesmal in Form einer Schwarzwälder Kirschtorte. Wir waren in Leipzig zu einem ausgiebigen Kaffeetrinken bei Freunden meiner Eltern eingeladen. Kaffee, Kuchen, Schlagsahne und Kinder, die sich „den Wanst vollhauten“, während die Eltern kultiviert an der Kaffeetafel konversierten. Als mein Magen schon reichlich gefüllt war, bot mir jemand ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte an, und gut erzogen wie ich war, lehnte ich nicht ab.
Sahne und Kirschwasser ließen mich meine Entscheidung schnell bereuen.

Nachdem ich auf die harten Arbeitsbedingungen und die ungesunde Ernährung im Schwarzwald vorbereitet war, kam der Tag, an dem ich ihn tatsächlich sehen sollte. Ich war inzwischen 18 Jahre alt und hatte dank etlicher Topographie-Tests in Geographie gelernt, dass der Schwarzwald lediglich Deutschlands höchstes Mittelgebirge ist. Wir fuhren also mit dem Auto quer durch den Schwarzwald nach Freiburg. Mit quer meine ich vom nordöstlichen Ende zum südwestlichen Ende, und von oben bis unten. Wir nahmen alle Serpentinen und Höhenunterschiede mit, die wir finden konnten. Ich fühlte mich dezent seekrank, als ich aus dem Fenster starrte, tief ein- und ausatmete und darüber nachdachte, ob der Schwarzwald und ich uns jemals vertragen würden…

Aller Anfang ist schwer, aber moosgrüne Wälder, karge Feuchtheiden, Wasserläufe, Schluchten, Lichtspiele und raue Felsen lassen mich die anfänglichen Schwierigkeiten schnell vergessen.

In der Stille

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Mit Sand an den Schuhen
In die Stille zu treten
Hinein um zu ruhen
Und dort zu beten
Wo niemand spricht
Bewegungen verstummen
Wo im Dunkel scheint Licht
Tausend Stimmen summen
Und fangen an zu singen
Die Sprachen dieser Welt
Bringen die Luft zum Klingen
Dunkelheit wird aufgehellt
Wie ein vielstimmiger Chor
Singen Menschen zu dem Einen
Lob und Dank steigen empor
Wenn Gesänge sich vereinen
Tief in meinem Herzen
Ist mir das Lied bekannt
Im sanften Schein der Kerzen
Wird Altes neu genannt
Neues fängt hier an
Stille
Schweigen bricht sich Bahn
Rastlos irrt mein Wille
Stille ist nicht ruhig in mir
Gedanken schreien
Was suche ich hier
Was kann mich befreien
Wer hilft mir hoffen
Wenn ich es nicht kann
Mein Sehnen liegt offen
Dem, der es begann
Der mich hält
Wenn die Worte fehlen
Sich hinter mich stellt
Wenn Fragen mich quälen
Ich spür Wogen brechen
Ein Fels in der Gischt
Die Lichter sprechen
Seele, vergiss es ja nicht
Was er dir getan
Die Stille kehrt wieder
Und leise stimmt an
Mein Herz die alten Lieder

(Taizé, August 2014)

Licht und Schatten

Wo sich einst Mönche in einem Tal niederließen, da sind Mauern entstanden. Wo viele Mauern sind, da sind auch Schatten. Wo viele Schatten sind, da ist auch Licht. Licht, das aus dem Innenhof in den Kreuzgang dringt und leuchtende Flecken auf den Steinboden malt. Sonnenstrahlen, die durch die bunten Bleiglasfenster und gotischen Maßwerkfenster fallen und das ehrwürdige Gemäuer des Klosters Bebenhausen zum Leuchten bringen.
Licht und Schatten. Ein Hauch von Lebendigkeit innerhalb Jahrhunderte alter Mauern.

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