* Blumenpuste

Annakdoten aus dem Alltag

Über den grauen Tagen

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Ich schaue über den Tellerrand
meines Frühstücks und stelle fest:
Es ist wieder einer dieser Tage.
Niesertage könnte man fast sagen.
Ein Huster hier, ein Schnupfer da,
und prustend fröhlich tröpfelt der Niesel vom Himmel.

Blau wird zu grau, und hell zu schnell dunkel.
Man munkelt zwischen hochgezogenen Schultern
und rosig-frostigen Nasenspitzen.
Wo gestern Menschen in der Sonne spielten,
lauern nun Schaudern und Wind.
Ich ziehe die Mütze über die Ohren,
damit ich die Kälte nicht höre,
und schlinge den Schal fester um mein Herz.
Bis dorthin soll das Frösteln nicht dringen.

Die Nebelschlingen heben meine Stimmung
nicht wirklich, nicht merklich, im Gegenteil.
Der Atem wird kälter, langsamer, schwerer.
Das Denken älter, trüber, leerer.
November hat mich blass gemacht.
Und wenn ich dich so sehe –
gräulich, gekrümmt und verweht,
demotiviert und bleich –
denke ich, es reicht.

Über die grauen Tage lässt sich lange reden.
Bewegen werden sie sich nicht,
diese sturen Wolkenbringer.
Nur einen Blick, einen Gedanken, will ich wagen:
In diesen Tagen nach oben zu schauen,
mich durch die Dunkelheit zu denken,
über die faden Stunden.

Dort, über den grauen Tagen,
tanzt das Leben in der Sonne,
Tango und November-Hop.
Über der Wolkenhülle
füllt Frohsinn die Schwere aus.
Dort, über den Dingen,
dort möchte ich stehen
und zusehen,
wie Nebelschwaden schwinden.

Es ist wieder einer dieser Tage.
Blass-kalt, fraglich-unbehaglich, mau.
Ein Tag, ganz wie mein Befinden.
Schau, ich geh darüber stehen,
mit Fahnenwehen und Rückenwind.
Komm doch mit.

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Die Fährte der Ruhe

IMG_6315Ich breche auf, um Stille zu suchen.
Ein Gesuch, ein Aufruf: Wer hat sie gehört?
Kann sie gefunden werden, von der, die sie stört?

Die Fährte der Ruhe führt mich zum See,
denn tiefe Wasser sind still, will man meinen.
Wolkenschein und Sonnenberge am Himmel.

Ich höre Kinder in der Ferne kreischen.
Eine Amsel singt, eine Ente knarzt verärgert.
Das Schilf raschelt unruhig im Wind.

Kann man die Stille sehen?
Denn hören kann ich sie nicht.

Ich sehe eine Feder über die Wellen tänzeln.
Eine Schildkröte plumpst unbeholfen ins Wasser.
Fische tummeln sich neben einem Felsbrocken.

Kann man die Stille fühlen?
Denn sehen kann ich sie nicht.

Ich schließe die Augen und spüre den Wind auf meiner Haut.
Wasser umspielt meine Füße.
Mich fröstelt es leise.

Ich schließe den Stift, die Augen und die Gedanken.
Ich bin ihr auf der Spur, der Stille.
Sie ist so scheu, wie ich suchend bin.

Wir werden uns aneinander gewöhnen.

Kontakte knüpfen

17776846_10212299802435941_1616549618_o„Willsch connecten, dann komm JETZT mit!“ Ich saß hungrig am Tisch und schnippelte einen Salat zum Abendessen, als mein Mitbewohner nach Hause kam. Ob ich „connecten“ wolle? Natürlich! In einer neuen Stadt kann man nie genug neue Kontakte haben. Aber ich hatte schon das Mittagessen übersprungen, wie konnte ich jetzt auch noch mein Abendessen liegen lassen?

5 min später rannte ich die Treppe runter, Käsebrot in der einen Hand, Fahrradlampe in der anderen. 5 später saß ich auf dem Fahrrad, Käsebrot in der einen Hand, Lenker in der anderen, Mund voller Brot. So rasten wir die Straßen entlang zur Innenstadt, weil wir sowieso spät dran waren. Der Salat durfte den Abend im Kühlschrank verbringen.

In einer neuen Umgebung anzufangen, braucht Spontanität. Ohne Alltag und Routinen ist sie eine gefragte Fertigkeit, denn man weiß oft gar nicht, was der Tag bringt. Meine Mitbewohner schulen mich sehr darin, weil sie mich dankbarerweise oft einladen, mitzukommen – in die Bar, zum Wandern, ins Kino, zum Hauskreis, zum Spieleabend. Diese Art von Kontakte knüpfen gefällt mir außerordentlich gut, denn sie verlangt mir nur Spontanität ab.

Die andere Variante, selbst loszuziehen und Kontakte zu knüpfen, ist nicht ganz so einfach. Wenn ich eins über meine Persönlichkeit sicher sagen kann, dann dass ich introvertiert bin. Damit einher geht meine Angst vor großen Gruppen. Wenn man mich  heute morgen in der Gemeinde beobachtet hätte, hätte man Folgendes sehen können:

Der Gottesdienst ist aus. Ich schaue mich um. Alle reden. Flucht ins Foyer. Auch dort: Alle sind in Gespräche verwickelt. Vorübergehende Flucht auf die Toilette. Vielleicht finde ich ja danach jemanden zum reden. Foyer Teil 2: Alle reden, nur nicht mit mir. Ich schleiche mich rüber zur Kaffeeecke, auch wenn ich dabei die Befürchtung habe, dass ich dann weitere 5 min ohne Gesprächspartner dastehe – nur eben mit einer Kaffeetasse zum Festhalten. [Hier ein wehmütiger Vermiss-Schluchzer für die USA – nicht alleine dastehen war nie leichter als dort.]

Ich meide Gruppenveranstaltungen so oft es geht, weil sie für mich nur Stress bedeuten. Sie sind erträglich, wenn ich einen Backup-Freund dabei habe, mit dem ich reden kann, falls sich sonst niemand findet. Vielleicht sollte ich mir als Alternative ein großes Schild umhängen, auf dem steht: „Suche Kontakte, sprecht mich an!“
Selbst wenn man Person XY gefunden hat, die sich auch gelangweilt an der Wand herumdrückt, dann steht einem Smalltalk bevor. Uuuuh. Smalltalk. Muss ich mehr dazu sagen?

Wenn sich neben einer spontanen Kontaktaufnahme noch mehr entwickeln soll, muss man irgendwann die Hosen runterlassen. Ein oben beschriebenes Schild wäre sehr offensichtlich, aber das hat man ja selten in der Tasche. Nur irgendwie muss man den Leuten ja signalisieren, dass man auf der Suche nach Anschluss ist. Ich muss „connecten“, ich muss neue Leute fragen, ob sie Lust hätten, mal etwas gemeinsam zu unternehmen. Ich muss mich „bedürftig“ zeigen, was mich verletzlich macht. Müssen muss man gar nichts, aber wenn ich mich zu meinem eigenen Glück zwinge, muss ich mir schon ein bisschen in den Hintern treten. Ich muss aus dem Schneckenhaus rauskriechen und langsam den Berg zu neuen Freundschaften hochkriechen.

Was ich dann auch gemacht habe. Mit der Kaffeetasse bewaffnet habe ich 3 Telefonnummern und eine Verabredung für morgen ergattert. Dann hat mein introvertiertes Selbst am See durchatmen können.

Bedürnisse zeigen und spontan bleiben. Verletzlich und aufmerksam sein. Auf der Suche bleiben und nicht aufgeben. Zur Not auf die Toilette fliehen. Neue Kontakte feiern. Wachsen und sich nach Neuem ausstrecken. Das Leben ist auch in Baden koi Schlotzer, aber es ist eigentlich auch viel schöner, gemeinsam einen Kaffee zu trinken, als sich einen Schlotzer zu teilen.

Lächerlich

20160905_161008Lachen verbindet. Lachen bringt Freude. Lachen steckt an und ist damit wohl eine der besten Krankheiten überhaupt. Lachen kann man laut – ein schallendes Gelächter, oder leise – wie ein schüchternes Kichern. Lachen an sich ist ein seltsamer Vorgang, der sich irgendwo zwischen Zwerchfell, Lunge, Mund und Gehirn abspielt. Wir stoßen in unregelmäßigen Abständen Luft aus, meist kombiniert mit Geräuschen. Wobei es auch Leute geben soll, die dabei einatmen (kurzer Seitenblick nach Albanien).

Lachen ist aber auch ein Ausdruck der Unsicherheit. Wir alle haben bestimmt schon einmal mitgelacht, trotz dass wir etwas nicht verstanden haben. Das kommt nicht nur im mehrsprachigen Bereich vor. Durch das Lachen will man einfach dazugehören. Besonders peinlich wird es allerdings dann, wenn man dazu etwas gefragt wird und zugeben muss, dass man keine Ahnung hat, worum es ging.

Lachen diskreditiert. Es ist üblich, dass man sich über Sachen lustig macht, die man für absurd hält. Lachen in der Politik ist beliebt und gleichzeitig gefährlich, weil es die Gefahr und Ernsthaftigkeit der Lage unterschätzen kann. Weltweit wird gerade auch durch die Medien über absurde Charaktere und Ansichten gelacht, als ob es das die einzig mögliche Reaktion sei. Doch Lachen hat die Menschheit in der Politik bisher nicht weit gebracht.

Lachen spielt mit Macht. Über eine absurde Idee zu lachen, stiftet Gemeinschaft und grenzt gleichzeitig aus. Es stellt einem Lachgefährten an die Seite, mit denen man sich gemeinsam über eine Idee erheben kann. Wer die meisten Lacher auf die eigene Seite zieht, hat in einem Gesprächsverlauf gute Karten. Und das ist meistens gar nicht mehr so lustig. Wer zuletzt lacht, erklärt eine andere Sache für lächerlich, für lachhaft.

Und da tut Lachen weh. Wir alle waren da und wissen, wie es ist, wenn über einen selbst oder die eigene Ansicht gelacht wird. Wir alle kennen den Impuls, stillschweigend die Seite wechseln zu wollen, um auf der sicheren Seite mitlachen zu können. Ja, Lachen vereint. Polemik und Humor sind erlaubt. Ich wünschte nur, wir würden nicht wie die Elefanten im Porzellanladen trampelnd im Leben von anderen herumlachen.

Wenn andere deine Werte in den Dreck treten, dich als altmodisch, konservativ, oder im Gegenteil, zu modern, zu anders und neuartig belächeln, kannst du dir zwar gewiss sein, dass sie es tun, weil sie selbst Sicherheit und Bestätigung brauchen. Aber es kratzt an deiner eigenen Überzeugung und Sicherheit. Wie oft habe ich es schon erlebt, dass Leute über Dinge lachen, die meinen Ansichten entsprechen, ohne zu wissen, dass sie dabei über mich lachen. Das ist verletzend, auch wenn ich weiß, dass es keine böse Absicht ist.

Es hat mich achtsamer darauf gemacht, über was ich lache. Ich weiß nur teilweise über das Weltbild der Leute Bescheid, die mir täglich begegnen. Jeder ist einem anderen Umfeld aufgewachsen und geprägt worden, da sollten uns verschiedene Weltanschauungen nicht überraschen. Da es uns bisher noch nicht gelungen ist, eine objektive Wahrheit zu finden, müssen wir uns gegenseitig unsere Ansichten zugestehen. Für mich ist es eine Frage des Respekts, ob ich versuche, andere zu verstehen und zu tolerieren, oder ob ich auf ihre Kosten lache, sie auslache, weil ich ihre Meinung nicht nachvollziehen kann.

Wenn ich eins gelernt habe in meinem Studium, dann ist es das Anliegen, alles zu hinterfragen. Das ist Erziehungswissenschaft, wie ich sie verstehe: Soziale Phänomene wahrnehmen, analysieren und reflektieren. Dafür schlägt mein Herz tatsächlich. Lachen ist eines dieser Phänomene, die definitiv eine genauere Betrachtung wert sind. Das sieht die Gelotologie, die Lach-Wissenschaft, ganz genauso.

Ich will gern einmal weniger mitlachen und einmal mehr nachfragen, damit mein Lachen andere nicht lächerlich dastehen lässt. Und damit Lachen ein Ausdruck der Freude bleibt. Schließlich gibt es genug schlechte Witze und Albernheiten in dieser Welt, die diesen seltsamen Vorgang zwischen Zwerchfell, Lunge, Mund und Gehirn in uns auslösen können.

[Hier könnte Ihr Flachwitz stehen.]

Immer wieder sonntags

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März 2014, als mir das Lachen noch nicht vergangen war

Sonntagmorgen. Ich wache gerade auf, als ich aus der Ferne vernehme: „Wir bitten um Entschuldigung.“ Das kommt vom Bahnhof, der direkt vor unserer Haustür liegt. Und wenn sich die Bahn entschuldigt, muss ja wieder irgendwas schief gelaufen sein.

Ich schnappte mir mein Handy, um die Bahn-App zu konsultieren. Tatsächlich, eine Reihe von Zügen fiel aus. Dabei wollte ich doch zur Kirche nach Tübingen fahren. Geistig abwesend schaute ich nach Alternativen. Wie so oft führte die Alternative über Reutlingen. In 15 min. Plötzlich hellwach sprang ich aus dem Bett und machte mich fertig.

Mit einer vom Schlaf zerknitterten Wange stieg ich in den einen Zug ein, wieder aus, wieder ein, wieder aus und kam anderthalb Stunden zu früh in Tübingen an. Die Fahrgastbetreuung versuchte, einen Betrunkenen zu wecken, um ihn in den richtigen Zug zu schicken, was dieser nicht verstand. Sein Kopf sank immer wieder zurück auf die Tischplatte. Was für ein friedvoller Start in den Sonntag. 

Draußen wurde ich von den leisen Klängen der Turmbläser begrüßt, die von der Stiftskirche aus über die Stadt posaunten. Ich suchte mir eine Bäckerei und ging meiner sonntagmorgendlichen Lieblingsbeschäftigung nach: Einer quantitativen Datenerhebung in Form einer Beobachtung. Mir war im Sommer aufgefallen, dass viel mehr Männer als Frauen am Sonntagmorgen zwischen 8 und 9 Uhr zum Bäcker kamen. Um nicht nur eine pauschale Aussage zu treffen, habe ich mich immer wieder zu kleinen Feldstudien hinreißen lassen.

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Die Ergebnisse von heute seien mal so deskriptiv in den Raum gestellt, die Schlussfolgerungen sind den Lesenden vorbehalten.

Hab ich keine anderen Hobbys? Doch. Aber ich habe beschlossen, das Beste aus so einem irritierten Morgen zu machen. Und es war schließlich nicht der erste Sonntagmorgen dieser Art. Außerhalb der Stadt zu wohnen und von der Bahn abhängig zu sein, hat mir in den Jahren viel Wartezeit und zeitfressende Umwege beschert. Wenn ich dann im Gottesdienst ankomme, hab ich schon eine halbe Weltreise und ein Achtel Abenteuer hinter mir. (Von dem Auto, das mich fast umgefahren hätte, hab ich ja noch gar nichts erzählt.)

Doch gäbe es diese verkorksten Morgen nicht, wäre ich um einige Anekdoten ärmer und wir wüssten nicht, wer in Tübingen immer wieder sonntags Weckle am Eckle kauft. Und vielleicht schreibt ja nicht das Leben, sondern die Bahn die besten Geschichten.

Gefilterte Momente

20160906_140719„Du klingst immer so positiv!“ Diesen Kommentar habe ich zu mehreren meiner Einträge in den sozialen Medien gehört. Das könnte ein Kompliment sein, es klingt allerdings oft wie ein Vorwurf. „Wie kannst du nur eine heile Welt vorspielen, wenn sie doch alles andere als heil ist!?“ Ja, wie kann ich nur?

Ich habe darüber nachgedacht, habe meine Motive hinterfragt, habe manchmal nicht das gepostet, was ich eigentlich posten wollte. Ich wollte herausfinden, wieso ich gerne die positiven Aspekte heraussuche und warum ich andere daran teilhaben lasse.

Dabei habe ich bemerkt, dass es mir gut tut, achtsam durch die Welt zu laufen. Ich fotografiere gern die unbedeutsamen Dinge, ich mag Wortwitze und ich finde es spannend, Zusammenhänge zwischen Erlebnissen, Bildern und Worten herzustellen. Es hilft mir, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Während die Nachrichten und der Alltag gefüllt ist von Sorgen und Weltschmerz, lässt es mich hoffen, dass es darüber hinaus noch mehr gibt: Schönheit. Das Gute. Einen Sinn.

Und dieses Schöne und Gute will ich finden, weil ich glaube, dass sich Gott darin finden lässt. Ich möchte weniger mich selbst darstellen, sondern vielmehr die kleinen Momente teilen, die das Leben schön machen. Diese Momente teile ich gerne mit anderen, weil sie mir helfen, den Tag anders zu sehen. Sie ändern nicht die Politik und sie ändern nicht die Stellung, die ich bei meinen Freunden habe. Sie sind einfach mein kleines Projekt- wahrgenommen, gefiltert und bearbeitet.

Dass soziale Medien – wie alle anderen Medien auch – selektieren und verschiedene gefilterte Narrativen anbieten, sollte uns allen bewusst sein. 99,99% meines Alltages erscheinen nicht in den sozialen Medien. Aus den 0,01%, die du über mich online erfährst, kannst du nicht schließen, wie es mir geht und womit ich meine Zeit verbringe. Du wirst mit Eichhörnchen und Pfirsichen nicht viel anzufangen wissen. Das ist eine von mir konstruierte Darstellung.

Vielleicht war der Tag also gar nicht gut. Vielleicht bin ich ziemlich niedergeschlagen. Aber es gab den Sonnenuntergang. Oder die Hasen vom Nachbarn, die ausgebrochen sind. Und den lädierten Weihnachtsengel. Die ruhigen Minuten am Fluss. Bei allem Chaos den reich gedeckten Tisch voll guter Dinge zu finden, fängt mit der Entscheidung an, ihn überhaupt zu suchen.

Soziale Medien haben ihre tausend Vor- und Nachteile. Ich nutze sie gern als Leinwand, auf der ich mit Worten und Bildern herumklecksen kann. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit – es sind Kleckser und Ausschnitte aus meinem Leben.
Aber ich hoffe, die Kleckser laden dich ein, dich auf der Leinwand deiner Wahl auszuprobieren. Zu schauen, was dir gut tut und dir dabei hilft, Hoffnung zu haben. Vielleicht Schreiben. Sport. Musik. Kochen. Fotografieren. Essen. Malen. Schlafen.

Oh ja. Schlafen. Das ist auch eine wahrhaft gute Idee.

Heimatort

SAMSUNGWo bist du zu Hause? Was ist deine Heimat? In den letzten Jahren wusste ich nicht genau, wie ich diese Fragen beantworten sollte. Denn Heimat hat immer mit Menschen und Orten zu tun, die für mich nicht mehr ganz klar zuzuordnen waren. Zuhause wurde der Ort, an dem mein Bett stand, und meine Heimat lag irgendwo zwischen hier und Sachsen. Im Wald. Auf einer Picknickdecke. Oder so.

Im Oktober, ein paar Stunden nachdem ich in den USA angekommen war, bekam ich die Nachricht, dass meine Oma gestorben war. Das kam unerwartet und doch erwartet, immerhin war sie schon 88 Jahre alt gewesen. Erst in diesem Moment am anderen Ende der Welt wurde mir klar, dass damit der Ort gegangen war, den ich seit meiner Geburt Zuhause nennen konnte.

Dieses Haus hatten meine Ururgroßeltern nach dem ersten Weltkrieg in einer Siedlung von Heimkehrern gebaut und fünf Generationen meiner Familie haben 20160806_182628dort gelebt. Meine Eltern zogen kurz vor meiner Geburt aus, doch wir wohnten noch so nah, dass wir unsere Nachmittage regelmäßig dort verbrachten. Das Haus war keineswegs schön oder spektakulär, das grau-braune Haus am Ende der Straße, mit dem langen Garten und der Bank vor dem Haus. Und doch habe ich an diesem Ort laufen, Fahrrad fahren und Klavier spielen gelernt.

Wir Kinder liebten es, im Garten herumzustromern. Mein Opa gab jedem von uns ein kleines Beet zur freien Verfügung, in dem wir Blumen oder Erdbeeren angepflanzt haben. Seine Garage und sein Schuppen waren wie Schatztruhen für uns. Alte Werkzeuge, dunkle Stiegen und der Duft von altem Öl und früheren Zeiten.

Im Haus selbst war das Reich meiner Oma, die nicht mehr so gut zu Fuß war. Es gab die nimmerleere Keksdose. Eine Kiste mit Büchern für uns Kinder. Die einzige Gelegenheit zum Fernsehen, da wir zu Hause keinen stehen hatten. Steine von Wanderungen. Den alten Gasherd und die quietschende Sitzbank.

Die Telefonnummer meiner Großeltern war die erste, die ich auswendig konnte und die ich immer wählen konnte, wenn ich Hilfe brauchte. Zu ihnen konnte ich immer dann gehen, wenn meine Eltern vergessen hatten, mich abzuholen oder ich zu einer unerwarteteten Zeit nach Hause kam. Ich konnte aus der Schule dorthin kommen, aus Krefeld dorthin kommen, aus Tübingen dorthin kommen, aus den USA dorthin kommen. Wandern und wieder in die Heimat zurückkehren.

Die Häuser, in denen ich in meiner Kindheit und Jugend gewohnt hatte, sind mir nicht mehr zugänglich. Nur bei meinen Großeltern hatte sich all die Jahre nichts geändert.
Nun aber wurde mir bewusst, dass der Ort, der seit meiner Geburt mein Zuhause gewesen ist, von mir geht. Abschied von Personen zu nehmen, ist die eine Sache. Abschied von der Heimat zu nehmen, eine andere. Und irgendwie seltsam, während man auf Reisen ist, heimatlos, und gefühlt jede Nacht in einem anderen Bett schläft.

img_20150923_141252Heimat und Zuhause. Ich frage mich, ob es diese Begriffe und ihre Wirklichkeit noch geben wird, wenn ich im Großelternalter angekommen bin. Wir können arbeiten, wo wir wollen, hinziehen, wohin wir wollen, Familien gründen, wo wir wollen. Die Welt steht uns offen. Vielleicht wird dieses Konzept Heimat irgendwann nur noch eine Erinnerung sein, weil das Leben uns an immer neue Orte verschlägt. Vielleicht gibt es Heimat in 5 Jahren im To go-Becher oder mit Pfandsystem. Recycle deine Heimat und bekomm 25 ct zurück, wenn du umziehst! Schon jetzt haben viele Menschen keine Heimat mehr, vielleicht haben sie nie einen Ort Zuhause nennen können. Eine Heimat zu haben, ist ein Privileg.

Deswegen will ich dankbar sein und mich erinnern. Ich will dankbar darauf zurückschauen, welches Fundament in meiner Kindheit gelegt wurde, auf das ich bis zum Ende meiner Tage aufbauen kann. Ich will mich erinnern, er-innern, Geschichten im Inneren verinnerlichen, damit ich nicht vergesse. Denn dort im Inneren kann ich Heimat mit mir tragen, mein Zuhause an all die Orte mitnehmen, zu denen mich das Leben führt. Mit Geschichten von Erdbeeren, dem Krimskrams im Schuppen und der nimmerleeren Keksdose auf dem Küchenschrank.

Ein ganz normaler Mensch

dscn6000Jeden Tag mit dem Zug zu fahren, bringt einige Bekanntschaften mit sich. Oder auch nicht, da es sich ja eigentlich nicht geziemt, miteinander zu reden, wenn man auf den Zug wartet. Das wäre viel zu unterhaltsam. Und dennoch, man lernt sich irgendwie kennen und hat zumindest die Gemeinsamkeit, dass man auf den Zug angewiesen ist.

Da gibt es diesen Mann, der morgens mit dem ersten Zug in die Stadt fährt und abends mit dem letzten Zug wiederkommt. Ich weiß nicht, wie ich ihn beschreiben kann, ohne ihn in eine Schublade zu stecken. Wer ihn sieht, wird vermuten, dass er eine Persönlichkeitsstörung hat, da er einige auffällige Verhaltensmuster aufweist und z.B. mit sich selbst redet. Damit nicht genug: Er redet auch gern mit den Leuten in seinem Umfeld, egal wo, egal, ob er sie kennt oder nicht. Meistens rennt er in den Zug hinein und fängt einfach an zu reden, beschwert sich, schreit herum, diskutiert. Er liebt es, lautstark zu diskutieren.

Wir grüßen uns, wenn wir uns sehen und manchmal erzählt er mir, was ihn gerade beschäftigt. Das ist meistens der Saftladen der Deutschen Bahn. Er hasst es, dass die Bahn nicht funktioniert, wie sie funktionieren sollte. Verständlich.

Nachdem ich ihn eine Zeit lang beobachtet habe, fielen mir ein paar Dinge auf: Zum einen ist er wahnsinnig intelligent. Ich weiß nicht genau, was er jeden Tag in Tübingen macht, vermute aber, dass er in die Unibibliothek geht und liest. Er weiß über die unterschiedlichsten Themen Bescheid und hat eine reflektierte Meinung zu aktuellen Ereignissen.
Zum anderen ist er einsam. Sobald Menschen ihn in seiner Sonderlichkeit wahrnehmen, schauen sie weg. Er hat keine Angehörigen mehr und die Leute, die seine Nächsten sein sollten, ignorieren ihn, verdrehen die Augen und lachen über ihn.

Eines Tages hatte ich bei einem seiner Diskussionsausbrüche im Zug den Eindruck, dass er eigentlich ein ganz normaler Mensch ist. Dass er eigentlich ganz genau weiß, was er tut, und dass er die Menschen um sich herum provozieren will. Dabei ist es ihm egal, was die Leute denken, weil er ihnen auch egal ist. Er zeigt mit dem Finger auf die Abgründe der Menschheit. Er diskutiert, er redet, er ist laut und sucht Kontakt, woraufhin die Leute mit Ablehnung reagieren.
All die Leute, die fein bürgerlich im Zug sitzen und zur Arbeit fahren. Die denken, sie seien gute Menschen, und sich deswegen für etwas Besseres halten. Bessere Menschen, die es verfehlen, Menschen zu sein.

Sein Verhalten ist wie ein Aufschrei, ein Appell an die Menschlichkeit. Fast wie ein Expressionist, der 100 Jahre zu spät lebt. Natürlich, er hat immer noch seine schwierigen Verhaltensweisen. Ja, wahrscheinlich ist er nicht ganz gesund. Aber es macht Spaß, sich vorzustellen, dass er uns allen nur etwas vorspielt.

Heute morgen sind wir zusammen im Zug nach Tübingen gefahren und mittags im selben Zug zurückgekommen. Mittags fragte er mich, wo ich denn mein „Fahrrädle“ gelassen hätte, das ich morgens dabei gehabt hatte. Als ich ihm erklärt hatte, dass ich es am Bahnhof angeschlossen habe, fing er an, über Fahrraddiebstähle in Deutschland zu referieren. Ein anderer Mann schaltete sich ein: „Und immer sind’s die Ausländer!“, woraufhin er antwortete: „So würde ich das nicht sagen.“

Ich musste lachen. Dieser Mann, der von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, hat mehr Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit, als manch anderer gut sozialisierte Mensch. An ihm können wir üben, was es heißt, keine Unmenschen zu sein. Und das ist nicht leicht. Menschlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit Menschsein, sondern eine Haltung, die wir erlernen müssen. Darauf können wir in kleinen Schritten hinarbeiten, wenn uns sonderbare Menschen im Zug begegnen, wenn sich andere ablehnend wegdrehen oder wenn wir sehen, wie Menschen in unserer Gesellschaft vereinsamen. In einer Gesellschaft, in der es nicht normal ist, beim Warten auf den Zug miteinander ins Gespräch zu kommen.

Von LA nach LA

DSCN8221_2Was ich letztes Jahr sehr schätzen gelernt habe, ist Gastfreundlichkeit. Gastfreundlichkeit kann man erst erfahren, wenn man fremd ist, wenn man ein Gast sein muss. Ich habe innerhalb meiner großen Reise in die USA viele kleine Reisen unternommen, zwei davon genau vor einem Jahr im Juli. Die Ziele waren relativ zufällig und spontan zustande gekommen. Ich wäre überall mit hingegangen, denn mir war sowieso alles neu. Ich war überall ein Gast.

Wofür ich nie dankbar genug sein kann, ist meine Art des Reisens. Ich war immer mit „Einheimischen“ unterwegs, da ich keine Deutschen in meinem Bekanntenkreis hatte. Und ich wohnte immer bei tatsächlich Einheimischen, die mich mit in die lokale Kultur hineinnehmen konnten.

DSCN8082Ich fuhr mit einer Studentin und ihrer Kindheitsfreundin nach New Orleans, Louisiana , weil sie dort ihre Familie besuchen wollte. Ich wurde im Auto vorgewarnt: „We are hispanics. We love to talk.“ Das hatte ich schnell am Lautstärkepegel im Auto merken können. Sie gaben mir den Hinweis, niemals French Toast von Aunt Mary zu essen, weil das zu tagelangen Bauchschmerzen führt. Außerdem hieß es, dass ihr Uncle J beleidigt sein würde, wenn ich nicht auch viel reden würde. Ganz so schlimm wurde es nicht, denn Leute, die viel reden, stellen auch viele Fragen und nehmen einen schnell in ihrer Mitte auf. Ich hatte also bald fast die ganze Familie von der Grandma bis zum Cousin kennengelernt.

Sie sagten mir, dass man sich durch New OrleansDSCN8190 durchessen muss, also fuhren wir von einem Restaurant zum nächsten Cafe zum Markt usw., sahen die Stadt an und probierten die Spezialitäten des Cajun Country.

Eines Abends liefen wir im Dunkeln durch ein Bayou, eine Sumpflandschaft, mit riesigen uralten Live Oak Bäumen, unter denen früher Duelle im Morgengrauen stattgefunden haben. Spanisches Moos hing geisterhaft von den Bäumen, Grillen zirpten und alte Brücken führten über die Wasserarme, die trotz der Dunkelheit viel Leben in sich hatten. Ja, Alligatoren, ich meine euch.
Nicht weit davon entfernt war ein Cafe du Monde, wo wir im Zwielicht Cafe au lait tranken und von Puderzucker nur so überquillende Beignets (Krapfen/Pöffertjes) aßen. Als ob ich nicht schon fasziniert genug gewesen wäre, packte die Bedienung auch noch eine Querflöte aus, um für uns zu spielen. New Orleans hatte mich mit seiner Natur und Kultur definitv in seinen Bann gezogen.

DSCN8570Von den vollfeuchten Subtropen mit besonders viel Wasser, den Sümpfen und dem Mississippi River ging es in die sommertrockenen, wüstenhafteren Subtropen am Pazifik, California. Von LA (Louisiana) nach LA (Los Angeles) an zwei Tagen. Sonnenaufgang in Louisiana, Sonnenuntergang in Alabama, Sonnenaufgang in Georgia, Sonnenuntergang in California. Fernbus, Auto und Flugzeug haben gute Dienste geleistet.

Ich reiste mit meiner Kollegin und wir wohnten DSCN8340bei der Familie unseres Chefs in Santa Ana. Tagsüber erkundeten wir Los Angeles und Umgebung und besuchten eine Freundin in Hollywood. Die Abende verbrachten wir bei der Familie, die neben 2 Kindern noch 2 Katzen und 6 Hunde hatte. Wir hörten Geschichten über die Familie und das Leben in Kalifornien und durften uns wie zu Hause fühlen. Obwohl zu Hause nicht hinter jeder Ecke ein Hund auftaucht oder den Kopf in mein Essen steckt.

An einem Abend fuhren wir mit der Familie zur Oma, um Apple Pie mit Vanilleeis zu essen. Es war schon 10 Uhr, für uns gefühlt Mitternacht, aber frischen Apple Pie lässt man nicht warten. IMG_20150710_200730Im Wohnzimmer setzte sich meine Freundin fast auf Omas Perücke, die sie auf einem der Stühle vergessen hatte, und wir alle konnten die nächsten 5 min nicht aufhören zu kichern, weil es einfach so komisch war. Keine Sorge, Oma hatte nichts mitbekommen.
Dort gab es auch einen Nachbarschaftspool mit Whirlpool, in dem wir den Abend ausklingen ließen. Unter dem Sternenhimmel unter Palmen in OC California in einer Jacuzzi zu sitzen – das hatte ich nicht geplant, als ich im verschneiten Februar aus Deutschland aufgebrochen war.

Ich habe so viele Dinge nicht DSCN8302geplant und wahrscheinlich war deswegen so vieles so gut. Ich hatte einfach keine Erwartungen, die enttäuscht werden konnten. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten beim Reisen.  (Nur ein Beispiel: Dass man zusammen reist heißt nicht, dass man die gleichen Gesprächsthemen und Interessen hat. Das ist kulturell bedingt, aber auch ganz stark von den Personen abhängig. Dann kann man also entweder nicht mitreden oder man kommt nie über den Smalltalk hinaus. Da ist Geduld die Mutter der Frustrationskiste.)
Aber abgesehen davon, war und bin ich dankbar, dass ich so herzlich in den Familien aufgenommen worden bin. Meine Erlebnisse wären ganz anders gewesen, wenn ich allein gereist wäre und in Hotels gewohnt hätte. Aber so kamen mir die Leute mit Gastfreundlichkeit entgegen. Es gab nichts, was ich als Gegenleistung oder Entschädigung hätte bieten können. Ich durfte einfach da sein, genießen und die familiäre Gemeinschaft annehmen, die sie mir frei angeboten hatten.

Das ist nur ein kleiner Einblick in meine Erlebnisse. Es gäbe noch so viele Geschichten zu erzählen und es gibt so viel, was ich vermisse. Kommt einfach vorbei, wenn ich als Großmutter auf meiner Terrasse im Schaukelstuhl sitze und Geschichten von damals erzähle!

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Ein Albtraum

bib3Die Bachelorarbeit ist das ruhmreiche Finale der Studienzeit. Sie gilt als Beweis, dass man etwas gelernt hat und selbständig wissenschaftlich arbeiten kann. Die Bachelorarbeit kann aber auch zu einem gravierenden Tiefpunkt werden. – Was war passiert, dass ich einen Film geschaut habe, und mir die simple Frage „Are you okay?“  Tränen in die Augen getrieben hat?
 
Die Arbeit hat mich so beansprucht, dass ich die meisten Termine absagt habe, um mich voll auf sie konzentrieren zu können. Ich habe mich von der Außenwelt abgeschottet, von Freunden, von meinen Routinen, von dem, was mir nicht gut tat und von dem, was mir gut tat.
Die Arbeit hat mich so blockiert, dass ich vor meinem Laptop saß und nicht schreiben konnte. Wenn ich keinen Laptop, sondern nur Bücher dabei hatte, habe ich aus dem Fenster gestarrt.
Die Arbeit hat mich krank gemacht. Nachdem ich wieder halbwegs auf den Beinen war, kam der Rückschlag. Ich lag tagelang im Bett, habe geschlafen und war frustriert.
Die Arbeit hat mich ermüdet. Ich bin morgens mit Kopfschmerzen aufgewacht, habe eine Tablette genommen und bin wieder schlafen gegangen. An manchen Tagen habe ich nachts 11 Stunden und tagsüber 6 Stunden geschlafen. Und das, obwohl ich sonst nie Mittagsschlaf mache. Ich habe lange nicht mehr so viel geschlafen, wie im Mai, und war lange nicht so müde, wie im Mai.
 
An einem Morgen wachte ich auf und schaute rüber zu meinem Schreibtisch, zum gesammelten Chaos der letzten Wochen. Wenn ich abends nach Hause kam, packte ich Bücher aus und lud neue Bücher in den Rucksack. Daraus war ein ganzer Stapel entstanden, Bücher aus verschiedenen Fachrichtungen schauten mir entgegen. Und ganz unten, am Boden, klemmte mein Terminkalender. Mein Kalender, mit der ironischen Aufschrift „Meine Zeit“. Da lag meine Zeit, erdrückt von der Bachelorarbeit, und wünschte mir einen guten Morgen.
 
Dann nahte das Ende. Ich musste mich entscheiden, ob ich aufgebe oder weitermache. Die Produktivität, die normalerweise bei Hausarbeiten kurz vor der Abgabefrist einsetzte, blieb aus. Es war keine Motivation mehr da. Ich hatte seit einem halben Jahr an verschiedenen schriftlichen Arbeiten gesessen und konnte einfach nicht mehr. Eines Nachts saß ich um 3 Uhr am Laptop und suchte auf Google die Anzeichen für einen Burnout. Tatsächlich konnte ich hinter jedes Symptom ein Häkchen setzen. „No, you don’t have to wear your best fake smile, don’t have to stand there and burn inside,  if you don’t like it“ sang James Bay in diesem Moment. Aber was dann?
 
Aufgeben fühlte sich nicht richtig an und der Abgabe-Freitag rückte näher. So arbeitete ich Dienstag auf Mittwoch, Mittwoch auf Donnerstag die Nacht durch. Donnerstag schrieb ich eine Spanischprüfung, die ich lächerlicherweise besser als die meisten anderen bestanden habe. Donnerstagabend wollte ich den Schlussstrich ziehen. Aber die Arbeit hat nicht einmal mich überzeugt, sodass ich beschloss, noch eine Nacht durchzuarbeiten. Ich wusste zwar nicht mehr, woher ich die Kraft nehmen sollte. Ich war so müde, dass ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, was ich in der Arbeit geschrieben hatte.
 
Doch zuerst war eine Pause dran. Die meisten Geschäfte hatten schon geschlossen, daher kaufte ich einen Döner, setzte mich auf den Boden an eine Hauswand und streckte meine Beine von mir. Mir war schlecht, und meine Arme fingen an zu zittern, aber ich musste ja irgendetwas essen. Seltsamerweise war das einzige, was in dieser Situation noch gut funktioniert hat, die Selbstreflektion, und mein eigenes klägliches Bild kam mir so absurd vor. Das war also die glorreiche Bachelorstudentin, die dort an der Hauswand lehnte, zu schwach, sich selbst zu halten.
 
Zurück in der Bibliothek beschloss ich, dass ich dringend Schlaf brauchte und fuhr nach einer Weile nach Hause. Aber mein so gestresster Körper konnte nicht einmal in dieser Situation schlafen. Ich arbeitete also weiter. Morgens um 6 Uhr musste ich zur Arbeit fahren, deswegen schickte ich die Bachelorarbeit einer Freundin, die sie zum Copy Shop brachte. Zu allem Überfluss vergaß ich mein Handy zu Hause, so dass ich nicht kontrollieren konnte, ob alles klar ging. Dass alles klar gegangen war, merkte ich, als ich das gedruckte Exemplar später abholte und zum Prüfungsamt brachte.

Als ich am Nachmittag von der Arbeit nach Hause kam, zitterten meine Arme immer noch unkontrollierbar. Essen war auch noch keine gute Idee. Und statt ins Bett zu gehen, schlossen sich noch anderthalb Tage Hochzeit an.

Es war ein Albtraum, den ich nicht schönreden kann, obwohl mir das sonst ziemlich leicht fällt. Ehrlich gesagt, hat es mich in dieser Situation sehr zynisch gestimmt, wenn mir jemand gesagt hat, dass ich das schaffe und dass das bestimmt alles nicht so schlecht ist, wie ich denke. Doch, das war es. Es war schrecklich schlecht und ging nicht zu ändern. (Trotzdem bin ich dankbar für alle, die sich um mich gekümmert haben. Aber das wäre/wird ein anderer Blogpost.)

Ich habe viel über die Bachelorarbeit nachgedacht. Wenn es schon schlecht kommt, sollte man wenigstens etwas daraus lernen. Ich wünschte, mir hätte jemand gesagt, dass es okay ist, zu scheitern. Nein sagen fällt so viel einfacher, wenn mir jemand zusichert, dass ich das auch darf. Das werde ich von jetzt an auf jeden Fall tun: Andere im Scheitern unterstützen. Gewinnen ist wirklich nicht der Normalfall, denn es kommt so oft anders, als gedacht. Die Erwartungen, die andere und wir in diesem Wirrwarr an uns selbst haben, sind belastend genug. Vielleicht können wir durch ein wenig Ehrlichkeit und Offenheit zum Scheitern entspannter an Dinge herangehen. Denn es ist dem Leben komplett egal, ob wir gewinnen oder verlieren. Es geht ja sowieso weiter.

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